Inventare Teil 5. Band 7. Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs (1938)

Belgien, von Oskar Schmid

Es war dies der letzte Aufbewahrungsort vor der Räumung der Niederlande durch die Österreicher.1 Die Zeit seit November 1792, seit der ersten französischen Invasion, brachte für die belgischen Archive naturgemäß mannigfache Gefahren mit sich. Die Beamtenschaft der Zentralbehörden sah sich schließlich gezwun­gen, unter Mitnahme ihrer Registraturen und Archive, des Schatzes vom Goldenen Vlies und jedenfalls auch des Archivs desselben nach Wesel zu flüchten. In der bedrängten Lage tauchte die Idee auf, das Archiv des Con­seil privé durch Ausscheidung und Vernichtung von Akten zu entlasten, um den mitgenommenen Ballast etwas zu verkleinern; man gelangte jedoch glücklicherweise zu dem Ergebnis, daß die dadurch geschaffene Erleichte­rung durch wenige Wagen zu geringfügig sei, um die Vornahme dieser mühevollen Arbeit zu rechtfertigen.1 2 Nach der Niederlage Dumouriez bei Neerwinden am 18. März 1793 und der abermaligen Besitzergreifung Belgiens durch die österreichischen Trup­pen kehrten die Behörden wieder ins Land zurück und gleichzeitig wurde der Befehl erteilt, die in Wesel befindlichen Gouvernementsarchive schleu­nigst wieder nach Brüssel zu schaffen.3 Daß diese und vor allem die in den verschiedenen Städten zerstreut liegenden Administrationsakten während diesen bewegten Zeiten einigen Schaden erlitten, ist auf der Hand liegend.4 Kurze Zeit später, nachdem am 26. Juni 1794 die Schlacht bei Fleurus geschlagen worden war, mußte der Bevollmächtigte Minister Graf Metter­nich mit dem ganzen Regierungsapparat Brüssel endgültig verlassen. 400 Kisten, die nebst Archiven allerdings zum großen Teil auch sonstige Pretiosen zum Inhalt gehabt haben mögen, wurden außer Land gebracht. Der Abtransport bewegte sich zunächst über Arnheim und Düsseldorf nach Würzburg, wo das geflüchtete Gut im Schloß so lange liegen blieb, bis das Gebiet im Jahre 1796 plötzlich in der Operationszone der feindlichen Ar­meen lag. Die Kisten wurden daher seit Juli per Wagen nach Regensburg gebracht, die ersten Partien gelangten dann, abgesehen von einem kleinen Vortransport, seit August 1796 nach Linz 5 und fanden einstweilen in den 1 Vgl. Marneffe, a. a. 0. S. 11. 2 Vgl. Belgien Rep. DD, Abt. B, Fasz. 196, fol. 17—24. Bericht Crumpipens vom 31. Dez. 1792. 3 Vgl. ebenda fol. 25—29. Bericht Müllendorfs über die Abreise des Gouvemements- archivs am 19. April 1793. 4 Vgl. ebenda fol. 32—35. Bericht über die in den verschiedenen Städten während der französischen Invasion befindlichen Akten vom 29. Mai 1793. 5 Vgl. ebenda fol. 85, 48, 51, 65. Nach einer Note des Grafen Nostitz vom 22. Aug. 1796 (ebenda fol. 68, 69) trafen schon im Oktober 1795 — jedenfalls als ein vereinzelter Trans­port — 15 Wagen mit niederländischen Schriften und Pretiosen in Linz ein. — Vgl. auch ebenda fol. 74, Note der Staatskanzlei an das Directorium in cameralibus vom 10. Okt. 1796 und auch das Schreiben des ehemaligen Secrétaire d’état et de guerre Freiherrn von Müller an Thugut vom 2. Okt. 1795: Der Hauptteil der Archivalien des Generalgouvernements befinde sich noch im Würzburger Schloß und es stehe zu befürchten, daß es in feindliche Hände gerate, zumal die Akten des Staats-und Kriegssekretariates, welche die Korrespondenz der Herrscher mit den Generalgouverneuren und anderen über außenpolitische Angelegen­heiten zum Gegenstand haben, sehr geeignet seien, um von dem Feinde zu Mißbrauch benützt zu werden (Abschrift als Beilage zu Reg. des StA. Z. 141/1852, fol. 106). — Über die weiteren Schicksale der in Brüssel verbliebenen Archivteile vgl. Marneffe, a. a. 0. S. 13. 110 Belgien.

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