Inventare Teil 5. Band 4. Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs (1936)

Staatskanzlei (Ministerium des Äussern) von Josef Karl Mayr

Allgemeiner Überblick. 403 daran wandten, wußte man noch 1822 nicht, was sie eigentlich enthielt. Zur Sichtung der Abteilung Italien, Span. Rat usw. glaubte man der Mit­hilfe von Archivaren nicht entraten zu können. Im ganzen mußte man sich schon zufriedengeben, wenn es nur gelang, der Zuwächse aus der kaiser­lichen Kabinettskanzlei — vorwiegend politischer Bestände von Leopold I. bis zu Josef II.1 —, die schon vor dem Jahre 1800 in die ältere Registratur übertragen worden waren, und der Sonderregistraturen von Staatskanzlei­beamten durch Einschachtelung in die betreffenden Staatskanzleiakten einigermaßen Herr zu werden. Ebenso wurden auch die Archive von Ge­sandten und Sonderdelegierten aller Art — waren sie erst in die Staats- kanzleiregistratur gekommen — nach altem Brauche kurzerhand den Archivalien des eigenen Amtes einverleibt. So finden sich z. B. unter den Hofkanzleiarchivalien über den Kongreß von Soissons (1727—1730) auch die Berichtskonzepte des kaiserlichen Botschafters, des Hofkanzlers Philipp Graf Sinzendorf, unter den Staatskanzleiakten über den Frieden von Sistovo (1789—1791) auch die an die österreichischen Unterhändler ergangenen Originalweisungen, unter den tirolischen Akten der Staatskanzlei (Staats­kanzlei, Provinzen, Tirol) auch solche aus der Kanzlei des k. k. Hofkom­missärs Ludwig Graf Lehrbach (1796/97) usw. Zuweilen sind solche Sonder­archive, zumal wenn ihr chaotischer Zustand es angezeigt erscheinen ließ, jener Einverleibung ganz oder zum Teil entgangen. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist man von jenem alten Brauche abgekommen und hat solche Sonderarchive in ihrer Ursprünglichkeit belassen. Für die älteren Zeiten aber muß bezüglich der Staatskanzleiarchivalien stets damit gerechnet werden, mitten unter ihnen in lediglich chronologischer Ein­reihung auf Archivalien von Delegationen, Hofkommissionen u. dgl. m. zu stoßen. Die Unordnung, die zu Anfang des 19. Jahrhunderts in den Registra­turen der Staatskanzlei herrschte, mag zum guten Teil durch die Kriegs­zeiten bedingt gewesen sein, die sie erheblich in Mitleidenschaft gezogen haben. So mußten im November 1805 über 80 Kisten mit Archivalien nach Temesvár geflüchtet werden.1 2 Vier Jahre später mußte die Flüchtung wiederholt werden, gelang jedoch nur noch zum Teil.3 Was zurückblieb, ist von den Franzosen noch nach der Ratifikation des Schönbrunner Frie­dens unter Mithilfe des Münchener Oberhofbibliothekars Johann Freiherrn von Aretin, eines „Bücher- und Antiquitätenjuden“, wie ihn Josef Freiherr von Hormayr nannte, zum größten Teil nach Paris abtransportiert worden. Ein Teil scheint an Ort und Stelle verkauft worden zu sein. Im ganzen führten damals die Franzosen aus den Wiener Archiven und Registraturen 3141 Kisten im Gesamtgewichte von 3921 Zentnern mit sich nach Paris, 1 Ein Verzeichnis dieser Zuwächse und sonstige Nachrichten über die Organisation der Staatskanzleiregistraturen in StK., Interiora 2 und 45. a Über ähnliche Flüchtungen anderer Sammlungen vgl. R. Payer v. Thum, Ein kaiserlicher Bibliophile (Zobeltitz-Festschrift 70 if.) und 0. Doublier, Die Wiener Hofbibi, in Kriegsgefahr (Zentr.-Bl. f. Bibliothekswesen 53). 3 Summarische Verzeichnisse der in 61 Kisten geflüchteten Bestände in StK., Interiora 36 und 45 und in Frankreich, Varia 89. Berichte über den Zustand der Staatskanzlei und des Staatsarchivs im November 1809 in Frankreich, Varia 75. 26*

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