J. K. Mayr: Inventare Teil 5. Band 3. Metternichs geheimer Briefdienst. Postlogen und Postkurse (1935)
II. Die Postkurse - C. Der Kampf um Italien
konnte sie Lilien doch alle zur Wiedereröffnung der Postvertragsverhandlungen nach Paris mit sich nehmen und dabei hoffen, daß die eben erst anerkannte neue französische Regierung wenigstens den einen Teil dieser Forderungen, die Beibehaltung der Hüninger Postroute für die nach Mittelund Nordfrankreich gehende fremditalienische Korrespondenz, zugestehen werde91). Die Unterstützung, deren das neue französische Ministerium allenthalben bedurfte, schien Metternich eine günstige Voraussetzung für einen glücklichen Abschluß der Pariser Postverhandlungen zu sein. Er wollte sich schon zufrieden geben, wenn Lilien die politischen Interessen des Kaiserstaates leidlich zu sichern oder doch wenigstens einen solchen Ausweg zu finden vermochte, daß dadurch alle weiteren „Verflechtungen“ dauernd beseitigt werden konnten92). Die drohende Sprache aber, mit der Lilien im Dezember 1830 die Verhandlungen aufs neue eröffnete, hat er schon nach wenigen Tagen aufgeben müssen. Die „Tendenzen zum Liberalismus“, auf die er nun stieß, die durch die Zeitungen angefachte Ungunst der öffentlichen Meinung und nicht zuletzt das geringe Interesse, das der neue französische Außenminister gleich Polignac für eine unmittelbare Postverbindung mit Österreich an den Tag legte, zwangen ihn dazu93). Und je bestimmter die neue französische Regierung in die Fußstapfen ihrer Vorgängerin einlenkte und je schärfer sie sich — zumal mit Bezug auf das ungetreue Toskana — gegen die von Lilien vorgewiesenen Erklärungen der fremditalienischen Staaten wandte, um so weniger wollte Lilien die Beeinflussung der französischen Handelskammern glücken, an die sich der österreichische Generalkonsul Baron Rothschild mit heimlichen Rundschreiben heranzumachen suchte94). Im April 1831 mußte Lilien, um Ärgeres zu verhüten und in Ermanglung wirksamer Zwangsmittel, den fremditalienischen, über Hüningen nach Mittel- und Nordfrankreich laufenden Posttransit fallen lassen und alle weiteren Verhandlungen hierüber den habsburgischen Fürstenhöfen Italiens unmittelbar anheimstellen95). Auf dieser Grundlage hat er am 1 6. April 1831 den Postvertrag unterzeichnet96). Wohl waren die alten Transversallinien über Forbach und Hüningen wieder darin auf genommen, auch der Postverkehr von Lombardo-Venezien nach Mittel- und Nordfrankreich wie bisher über Hüningen gelegt, das übrige Italien aber nicht mehr darin erwähnt. Immerhin war, worauf sidt Lilien nicht wenig zugute tat, die Hüninger Postlinie gerettet, das von Frankreich verlangte Uberstempelungsverbot vereitelt und die französisch-englische Griechenlandpost für Österreich gewonnen97). Damit war die Entscheidung über den fremditalienischen Korrespondenzverkehr nach Mittel- und Nordfrankreich in die Hände Toskanas, Parmas und Modenas gelegt und Metternich beeilte sich, die Frist, die bis zum 1. Oktober 1831 — dem Tage, an dem der neue Vertrag in Kraft treten sollte — noch übrig war, zu neuen Werbungen in Florenz, Parma und M) Weisung nach Florenz 30 IX 24 Toskana, adm. Reg. Postwesen. **) Weisung an Lilien 30 XI 28 Friedensakten 159; V. B i b 1, Metternich in ff. °3) Berichte Liliens 30 XII 20, 31 I 1 Friedensakten 159. M) Berichte Liliens 31 I 14, 29 Friedensakten 159. 95) Berichte Liliens 31 IV 4, 9 Friedensakten 159. 96) A. C 1 e r c q 1. c. 4, 76. 97) Bericht Liliens 31 IV 28 Friedensakten 159. 94