J. K. Mayr: Inventare Teil 5. Band 3. Metternichs geheimer Briefdienst. Postlogen und Postkurse (1935)

II. Die Postkurse - C. Der Kampf um Italien

schränkt blieben. Doch ist dadurch an den Postlinien selbst nichts geändert worden39). Auch sah Sardinien nach wie vor strenge darauf, daß die über den Simplon nach Mailand laufenden Genfer Briefpostpakete keine fremd­italienischen Korrespondenzstücke enthielten. Anderenfalls ließ es sie diesen entnehmen und über Genua weiterleiten40). 4. Die Hüninger Linie. a) Wachsende Bedeutung und Ausgestaltung. Der zweite Postvertrag mit Frankreich war, wie oben erwähnt, neuer­dings auf dem Simplontransit aufgebaut. Für den Fall allerdings nur, daß ihn Sardinien den Waadtern und Wallisern freigab. Hielt es aber an seinem Transitverbote fest, dann mußte Österreich die lombardo-veneziani- sche und die gesamte fremditalienische, nach Südfrankreich bestimmte Aus­landpost Sardinien dauernd überlassen, während es diese, soweit sie nach Mittel- und Nordfrankreidi ging, über die Hüninger Postroute leitete. Nun hat sich aber, wie wir uns erinnern, Sardinien allen Versuchen, es zur Frei­gabe des Simplonpasses zu bewegen, standhaft widersetzt. Ja es hat, noch ehe in dieser Frage das letzte Wort gesprochen war, seinen österreichischen Postvertrag gekündigt und damit das Problem der fremditalienischen Aus­landpost neuerdings zur Diskussion gestellt. Dieser Schritt hat wohl von dem zweiten französisch-österreichischen Postvertrage vom Juni 1822 seinen Aus­gang genommen, durch den sich Österreich über die Verpflichtungen seines ersten sardinischen Postvertrages hinwegsetzen zu wollen schien. Nun traten — im Dezember 1822 — Sardagna und Cerruti auf dem Veroneser Kongresse zu neuen Verhandlungen zusammen. Gerne hätte sich Sardagna angesichts der gespannten Lage der Dinge mit dem sardinischen Zugeständnisse eines geschlossenen Simplon-Transit- paketes zufrieden gegeben, selbst wenn es Sardinien unmittelbar beförderte. Mehr aber als ein offenes Postpaket für die lombardo-venezianischen Kor­respondenzen wollte Cerruti nicht zugeben, worauf Sardagna die Verhand­lungen abbrach. Er war sich der „großen politischen Maßregel“, die ihm Metternich anvertraut hatte, wohl bewußt, aber auch Cerruti wollte es „auf alles ankommen lassen“ 4). Dennoch war man weder in Turin noch in Wien entschlossen, es zum Äußersten kommen zu lassen. Mit Recht verwies der Hofsekretär der Staatskanzlei Baron Ottenfels auf das Mißverhältnis, in dem auf österreichischer Seite Drohungen und Vollzugsmöglichkeiten zu einander standen2). Auf der anderen Seite wollte sich Graf Latour, der sardinische Staatssekretär des Äußern, mit der Aufteilung des Geheimen Dienstes zwischen Österreich, Sardinien und Toskana begnügen, wobei er in überraschender Offenherzigkeit Österreich die lombardo-venezianischen Kor­respondenzen, Sardinien diejenigen Parmas, Modenas, der Legationen und 39) M. H e n r i o u d, Hist, des postes de Génévé; Bericht aus Luzern 32 VII 9 Schweiz, Nachträge. 40) Weisung nach Turin 31 III 6 Sardinien 65; Note von Hofkammer 31 III 30 Notenwechsel 71. J) Bericht Sardagnas 22 XII 21 Toskana, adm. Reg. Postwesen. 2) Denkschrift (Anm. 35 S. 75). 76

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