J. K. Mayr: Inventare Teil 5. Band 3. Metternichs geheimer Briefdienst. Postlogen und Postkurse (1935)

II. Die Postkurse - C. Der Kampf um Italien

Sardinien neuerlich schwebenden Postverhandlungen vorzubereiten, da glaubten Barbier und Sardagna gewonnenes Spiel zu haben. Schon froh­lockten sie über die Ahnungslosigkeit ihrer Verhandlungsgegner, als sich die Situation um so rascher verschlechterte, je mehr sie die Gewinnung der ge­samten fremditalienischen Frankreichpost als den Hauptzweck des Simplon- transits erkennbar werden ließen. Nun verlor man in Paris alles Interesse an der Turiner Demarche und zog die Verhandlungen so lange hinaus, bis der sardinische Postdirektor Cerruti eintraf und den Österreichern den Wind nun vollends aus den Segeln nahm31). Und während sich die französische Post­verwaltung den Anschein gab, als ob sie gegenüber Cerruti auf dem Simplon- transite bestünde, und während der erste Administrator derselben sich für diesen, der Generalpostdirektor aber sich im Einvernehmen mit dem Ministe­rium des Äußern gegen diesen aussprach, schloß sie insgeheim am 24. Mai den neuen Postvertrag mit Sardinien ab, in dem der Simplontransit ganz über­gangen war32). So wie 1817 war eben Frankreich auch diesmal weit davon entfernt, seine Italienkorrespondenz mehr als unbedingt nötig der österreichischen Ver­mittlung anzuvertrauen. Denn daß durch die Gewährung des Simplontransits die ganze fremditalienische Frankreichkorrespondenz den Österreichern aus­geliefert würde, davon hat Cerruti seine französischen Freunde mit leichter Mühe zu überzeugen vermocht, zumal ihn dabei der Pariser Nuntius eifrig unterstützte. Nur in bedingter Form — falls Turin ihn zugestände — haben die österreichischen Kommissäre die Aufnahme des Simplontransits in den neuen französischen Postvertrag33) einzufügen vermocht: Südfrankreich wurde über Ferney, Mittel- und Nordfrankreich über Pontarlier — alle durch Vermittlung der Waadter und Walliser — und Ostfrankreich über Hüningen mit Lombardo-Venezien und Transpadanien in Verbindung gesetzt, während die französisch-österreichischen Transversalpostkurse auch weiterhin über Hüningen und Forbach liefen. Gab Sardinien den Simplontransit nicht frei, dann mußte — darüber waren sich die österreichischen Kommissäre einig — die südfranzösische Italienpost Sardinien dauernd überlassen werden. Nach seiner Rückkehr nach Mailand hat Sardagna die Waadter und Walliser Delegierten nochmals um sich versammelt. Wohl hatte Cerruti in Paris den Simplontransit schlankweg verweigert, Frankreich aber seinen Turiner Botschafter — nach außen hin wenigstens — zur Unterstützung der Schweizer Delegierten und zu einem gemeinsamen Vorgehen mit Österreich angewiesen, wiewohl dem der französische Botschaftssekretär Rouen nach Kräften widerstrebte. Sogleich aber stießen die Waadter und Walliser in Turin auf den heftigsten Widerstand, den sie weder durch die Drohung, den Simplonpaß durch das Val Bedretto zu umgehen, noch durch die der Ein­stellung der Postlinie über den Großen St. Bernhard, der kürzesten Verbin­dung zwischen der Südwestschweiz und Turin, zu brechen vermochten34). Der französische Botschafter, von dessen Intervention man sich in Wien be­sonders viel versprochen hatte, war den Schweizern mehr Hindernis als Hilfe. Auch konnte Sardinien mit Recht darauf hinweisen, daß die Gewährung des 31) Bericht (Anm. 26). ”) Bericht Barbiers und Sardagnas 22 VI 5 Friedensakten 158; A. C 1 e r c q 1. c. 3, 284. 3S) 22 VI 10 Urkunden (Bittner n. 2186). 34) Bericht aus Turin 22 VIII 5 Sardinien, adm. Reg. 3. 74

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