Lothar Groß: Inventare Teil 5. Band 1. Die Geschichte der deutschen Reichshofkanzlei von 1559-1806 (1933)

I. Die allgemeine Entwicklung der Reichskanzlei von 1559-1806 - 3. Die Reichskanzlei im Kampfe mit der österreichischen Hofkanzlei bis zum Rücktritt des Reichs Vizekanzlers Schönborn

Nach Leopolds Tode erneuerte der Erzkanzler seine Präsentation bei Josef I. Sinzendorf, der nunmehr Aussicht auf die Stelle des österreichi­schen Hofkanzlers hatte 22B), war zwar jetzt in den Hintergrund getreten, hingegen machte Fürst Salm, der beim neuen Kaiser größten Einfluß besaß, neue Schwierigkeiten 225 226). Er wünschte die Ernennung des Vaters Friedrich Karls, des Grafen Melchior Friedrich von Schönborn, zum Vize­kanzler, dem Friedrich Karl zunächst adjungiert werden sollte, um später an seine Stelle zu treten. Der Kurfürst verhielt sich dagegen völlig ab­lehnend. Unterstützt vom Bischof Rummel, der bei Josef I. viel ver­mochte, gelang es endlich dem Erzkanzler, mit seinem Neffen durch­zudringen. Am 15. Juni 1705 akzeptierte ihn der Kaiser als Vizekanzler, nicht ohne schon jetzt in seinem Schreiben an Lothar Franz anzudeuten, daß Friedrich Karl zunächst von den geheimsten und wichtigsten Staats­geschäften ausgeschlossen bleiben sollte. Der neue Vizekanzler traf erst am 4. September in Wien ein, worauf er am 11. September offiziell in sein Amt eingeführt wurde. Er sah sich einer sehr schwierigen Lage gegen­über und mußte bald erkennen, daß der Sieg des Erzkanzlers nur ein scheinbarer war. In den drei Vierteljahren seit dem Tode des Grafen Kaunitz waren der Reichskanzlei die wichtigsten politischen Agenden ver­lorengegangen. Die neue Geschäftseinteilung, die unter Josef eingeführt worden war und die Bearbeitung der auswärtigen Geschäfte in verschie­denen Deputationen vorsah, räumte dem Vizekanzler überhaupt nur mehr in jener, die sich mit den Angelegenheiten des Reiches im engeren Sinne zu befassen hatte, Sitz und Stimme ein 227). Ebenso schlimm wie auf politi­schem Gebiete stand es auf dem der Gratialausfertigungen. Gleich bei seiner Ankunft wurde Schönborn eine Beschwerdeschrift der Beamten, die sich mit diesen Dingen befaßte, überreicht 228) und der Reichssekretär Consbruch betonte in seiner Begrüßungsansprache an den neuen Vize­kanzler ausdrücklich den Niedergang der Reichskanzlei und ihrer Rechte. Die Denkschrift behandelte die Frage der Ernennungsdekrete der ge­heimen Räte, die der Reichskanzlei von der Hofkanzlei entzogen worden waren, ferner die immer wieder erörterten Beeinträchtigungen bei den Hoffreiheiten, Salvaguardien und Standeserhöhungen 229), die nun noch dadurch verschärft wurden, daß die erbländischen Behörden die Standes­erhöhungsdiplome aus der Reichskanzlei nicht mehr respektieren wollten. Schönborn stürzte sich, nachdem er die Erfahrung hatte machen müssen, daß man ihn tatsächlich zu einem „Reichskanzleidirektor“ degradieren wollte, mit Elan in den Kampf für die Reichskanzlei und der größte Teil der Jahre, die er in Wien zubrachte, ist von diesem Ringen erfüllt, das H a n t s c h uns geschildert hat. Es hängt aufs engste mit seiner Anschauung 225) Über Sinzendorfs Pläne, der den Posten eines Secretaire d’Etat nach französi­schem Muster anstrebte, berichtet Franz Erwein v. Schönborn dem Kurfürsten am 23. Mai 1705 (Mzer. R. K. 4). 22e) Hier weiche ich auf Grund der Berichte Franz Erwein Schönborns (Mzer. R. K. 4) von H a n t s c h (a. a. O. 78) etwas ab. 227) Vgl. über die Geschäftseinteilung Hantsch u. den Bericht des Agenten Heu- nisch v. 20. Juni 1705 i. Mzer. R. K. 4. 22S) R. K. Verf. A. 23, Nr. 45. 22°) Wegen der Standeserhöhungen war noch unter Königsegg am 31. Jan. 1691 der letzte Protest des Erzkanzlers an den Kaiser ergangen, R. K. Verf. A. 23, Nr. 45. 64

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