Lothar Groß: Inventare Teil 5. Band 1. Die Geschichte der deutschen Reichshofkanzlei von 1559-1806 (1933)

VI. Biographische Daten und Betätigung der einzelnen Beamten - 2. Sekretäre der deutschen Expedition

Religion120). Erstenberger, ursprünglich Lutheraner120a), war ein sehr eifriger Katholik. Nicht umsonst empfahl ihn der Kardinallegat Johannes Morone der besonderen Gnade des Papstes und pries die große Hilfe, die der Sache des apostolischen Stuhls von Erstenberger geleistet wurde 121). Seine streng katholische Gesinnung bewirkte auch seine enge Verbindung mit dem bayrischen Herzogshause und kommt deutlich in den Briefen an die Herzoge zum Ausdruck. Seine amtliche Tätigkeit führte ihn zur Beschäftigung mit den auf den Augsburger Religionsfrieden bezüglichen Akten, besonders als 1576 angesichts des bevorstehenden Reichstages die Fragen der Freistellung der Religion und des religiösen Vorbehalts neuerlich große Bedeutung gewannen. In den nächsten Jahren verfaßte nun Erstenberger sein großes Werk, in dem er die unbedingte Gültigkeit des geistlichen Vorbehaltes nachzuweisen bestrebt war. 1580 war es voll­endet und wurde von Erstenberger Herzog Wilhelm V. von Bayern über­sandt. Trotzdem das Werk gerade in den nächsten Jahren wegen der durch den Austritt des Kölner Erzbischofs Gebhard Truchsess aus der katholischen Kirche hervorgerufenen Kämpfe für die katholische Sache von erhöhter Wichtigkeit war, wurde es wegen der Bedenken seines Verfassers, der einen Angriff der protestantischen Reichsstände scheute, erst mehrere Jahre später in München gedruckt und erschien 1586 unter dem Namen des vor wenigen Jahren verstorbenen kurkölnischen Kanzlers Burkhart. Die Autonómia war infolge ihrer scharfen juristischen Folgerungen, die Erstenberger aus den Akten über die Fragen des Vorbehalts und der Freistellung zog, von gewaltiger Wirkung und wurde auf katholischer Seite ebenso hoch geschätzt wie sie auf protestantischer Seite einen tiefen Eindruck machte 122). Erst nach Erstenbergers Tode wurde seine Autor­schaft allgemein bekannt123). In der Kanzlei ist Erstenbergers Stellung durch den Tod des Reichs­vizekanzlers Vieheuser im Jahre 1587 und den Obernburgers im folgenden Jahre noch bedeutend gehoben worden. In seinem am 2j. April 1587 — zwei Tage nach Vieheusers Tode — an den Erzkanzler gerichteten Brief, der voll interessanter Einzelheiten ist, fällt neben der großen Ent­schiedenheit, mit der er den Kurfürsten zur Wahrung der erzkanzlerischen Rechte auffordert, der Freimut und die Offenheit auf, mit der er sich nicht scheut, dem Mainzer Mutlosigkeit vorzuwerfen, und die Sicherheit, mit der er Kurz als Nachfolger Vieheusers für den Reichsvizekanzlerposten 12 12°) Über diesen Traktat, dessen Titel lautet „Erster (Anderer, Dritter) Thail des Tractats de Autonómia, das ist von Freistellung mehrerlai Religion und Glauben“ und der 1586 in München unter dem Namen des Kölner Kanzlers Franz Burgkard erschien, vgl. Stieve i Briefe u. Akten 4, 159 ff. und Lossen i. d. Sitzsber. d. philos. philolog. u. hist. Kl. d. bair. Akad. d. W. 1891, 128 ff., welch letzterer auch einige Daten über Ersten­bergers Lebensgang bringt. 120 a) So berichtet Volckamer, vgl. Götz a. a. O. 780. Demselben Berichterstatter zu­folge soll er auch antikatholische Bücher verfaßt haben. 121) Nuntiaturber. III/2, 142: Morone an Como ddo. 1576 Aug. 29: . . . perdie esso secretario é bonissimo cattolico et favorevole sempre a tutte le cose della Sede Aposto- lica etc. — Vgl. auch Nuntiaturber. III/i, 531, wo Cesare dell’Arena nach Rom berichtet, daß Erstenberger ihm das Konzept einer kaiserl. Antwort zeigte. 122) Vgl. Stieve, Briefe u. Akten 4, 159 ff. 1SS) Vgl. Stieve, Briefe u. Akten 5, 927. 370

Next

/
Oldalképek
Tartalom