Lothar Groß: Inventare Teil 5. Band 1. Die Geschichte der deutschen Reichshofkanzlei von 1559-1806 (1933)
VI. Biographische Daten und Betätigung der einzelnen Beamten - 2. Sekretäre der deutschen Expedition
geschrieben96). Seit dem Frühling 1567 trifft man von Monat zu Monat häufiger in den deutschen Konzepten auf seine Hand. Schon bald nach seiner Ankunft am Hof taucht auch seine Unterschrift in wichtigen und vertraulichen kaiserlichen Schreiben auf, ich führe hier nur die Briefe Maximilians an Margaretha von Parma vom 1. April 1567 und an Philipp II. vom 9. Juli 1567 an97). Der Tod Kirchschlägers, der nickt sogleich einen Nachfolger erhielt, ließ Obernburgers Arbeitslast noch ganz bedeutend anschwellen und erweiterte seinen Wirkungskreis. Seine Tätigkeit erstreckte sich auf den ganzen Bereich der deutschen Expedition und umfaßte die politischen Agenden so gut wie die Judizial- und Gratial- sachen. Ich verzichte eben im Hinblick auf die große Masse der von ihm verfaßten Schriftstücke darauf, einzelne Beispiele herauszugreifen. Durch nahezu zwanzig Jahre hat nun Obernburger in der Reichskanzlei einen führenden Posten bekleidet. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß Obernburger selbstverständlich auch für die geheimen Angelegenheiten herangezogen wurde 98), auch für die Familienangelegenheiten des Herrscherhauses, die in der Regel damals von anderen Sekretären behandelt wurden, war er tätig, so etwa bei den Verhandlungen über die projektierte Ehe Rudolfs II. mit der Infantin Isabella; hier hat er die Vollmachten, wohl aus Gründen der Geheimhaltung, auch selbst mundiert "). Seine ganze Stellung wurde aber durch die Tatsache sehr gehoben und erhielt dadurch ihr eigenartiges Gepräge, daß er seine Tätigkeit nach Singkmosers Tode auch auf die lateinische Expedition ausdehnte und derart während seiner Amtsführung die Trennung dieser beiden Expeditionen praktisch aufgehoben war. Als Obernburger starb und die Frage seiner Nachfolgerschaft brennend wurde, führte der vom Kaiser und Reichsvizekanzler zu Rate gezogene Erstenberger des näheren aus, wie Obernburger „mehrerlei Expeditionen“ gehabt und daß dieser Zustand für die Geschäftsführung nicht durchaus förderlich gewesen sei, da die Sachen einigermaßen „confundiert“ worden seien. Er trat daher für die Trennung der deutschen Sachen von den lateinischen und geheimen Korrespondenzen ein 10°). Gerade die letztgenannten hatten ein Hauptwirkungsfeld Obernburgers gebildet, wie wir bei Besprechung der lateinischen Sekretäre noch sehen werden 101). So erschien er auch den fremden Diplomaten als die Hauptarbeitskraft am Kaiserhofe und schon 1574 konnte der päpstliche Nuntius Delfino von ihm sagen, daß er alle wichtigen Geschäfte des Hofes in Händen habe, wobei er allerdings auch Obernburgers Langsamkeit in der Erledigung der Geschäfte betonte 102), und etwas später, 1576, bezeichnete ihn der venezianische Gesandte Tron als ") R. H. R. Resol. Prot. 28. 97) B i b 1, Korresp. Max. 2, 146 u. 201. 98) Die Amtsrechnung v. 1574 spricht von einer Schreibtruhe, die ö. für den Transport der geheimen Sachen nach Prag erhält. ") Famil. A. 35: 1582 Aug. 23 u. 1583 Febr. 28. 10°) Vgl. Erstenbergers Ausführungen im R. H. R. Resol. Prot. (Geh. Rats Prot.) Nr. 58, fol. 37 v. 101) Vgl. unten S. 411 f. 102) Nuntiaturber. III/4, 139: 1574 Juli 23 Delfino an Como: L’Obremburg ha carico della lettera, et perche é di natura lungo et ha nelle mani tutti i principali negotii della corte etc. 367