Historische Blätter 7. (1937)

Taras v. Borodajkewycz: Kaiser und Reichserzkanzler bei Beginn des spanischen Erbfolgekriegs

an den Reichstag, offenbar in der stillen Hoffnung, bei dem schwerfälligen und schleppenden Geschäftsgang des Regensburger Konventes reichlich Zeit für eine wirkliche Entscheidung gewinnen zu können69. Der Mainzer war aber noch vorsichtiger. Vor einer Entscheidung der europäischen Mächte wollte er am liebsten das Reich mit der strittigen Frage nicht belästigt sehen. Dieses Prinzip ließ sich aber nicht aufrecht erhalten, wenn die spanische Frage auf dem Reichstag in großer Form auf­gerollt wurde. Dann mußte er als Direktor des Reichstages zumindest durch seinen Regensburger Gesandten in das helle Rampenlicht der poli­tischen Bühne des Reiches treten und er wußte nur zu gut, wie arg­wöhnisch Frankreich durch seinen Gesandten bei dem Reichstag alle Vorgänge kontrollieren ließ. Darum lieber diese Gefahr noch nicht herauf­beschwören! Und hat nicht sogar der alte Feldherr des Reiches, Mark­graf Ludwig von Baden, in diesen Wochen än der Möglichkeit eines kräftigen Widerstandes gegen Frankreich gezweifelt und die Neutralität als das einzige Auskunftsmittel angesehen, um das Reich vor dem Los zu bewahren, nur das Schlachtfeld eines Kampfes zwischen Frankreich und dem Kaiser zu werden?60 Was der Erzkanzler in seinem Antwortschreiben dem Kaiser so dringend ans Herz gelegt hatte, eine Verbindung mit den Seemächten herzustellen, jeden weiteren Schritt durch eine Verbreiterung der euro­päischen Basis zu sichern, war inzwischen am kaiserlichen Hof auch selbst als erstes Gebot der politischen Lage erkannt worden. Am gleichen Tage, da in Versailles der Enkel Ludwigs XIV. zum König von Spanien pro­klamiert worden war, hatte ein Bündnis Brandenburg an die Sache des Kaisers gekettet61. Der Kaiser wußte, daß er sich auf Kurpfalz und den neuen Kurfürsten von Hannover unbedingt verlassen konnte. Mit dem Aufträge, die Seemächte zu gewinnen, wurde eine der ausgeprägtesten politischen Persönlichkeiten des Wiener Hofes, Graf Wratislaw, Ende November abgeordnet. Für die Behauptung Oberitaliens wurden Vor­bereitungen getroffen, Prinz Eugen mit der Leitung der italienischen Operationen betraut62. Gleichzeitig begann aber mit dem Ausgang des Jahres die Gestalt des Erzkanzlers für die Wiener Politik erhöhtes Interesse zu gewinnen. 69 Die Kopie des kölnischen Antwortschreibens an den Kaiser vom 12. XII. 1700 in M. E. A. Korr. 99. 60 A. Schulte, Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden, I., S. 526. 61 A. F. Pribram, Österreich und Brandenburg 1688—1700, Wien 1885, S. 175 i 0. Redlich, Geschichte Österreichs, Gotha 1921, VI., S. 509. 62 0. Redlich, a. a. 0., S. 510. 134

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