Historische Blätter 7. (1937)

Walter Latzke: Das Ende des Wiener Frauenklosters St. Anna

Gegenvorstellungen der Räte taub und hinderte sie auch an der Aufnahme des Inventars64. So blieb dem Klosterrate zunächst nichts übrig, als durch eine geistliche Visitation der Äbtissin den Vorwand einer Erneuerung ihres Konvents zu nehmen. Der hiezu am 7. Februar beauftragte66 Dompropst von St. Stephan und Offizial des Bistums Wien konnte am 11. Februar feststellen, daß die vier von der Äbtissin in das Kloster aufgenommenen Mädchen mit Ausnahme der ältesten weder lesen noch singen konnten06. Allein auch Regina Halpeyrin blieb nicht untätig; sie wandte sich neuer­lich durch den Nuntius an den Kaiser, ja sie nahm ihre Zuflucht zu den Jesuiten und nötigte ihnen die Zusage ab, daß sie von sich aus nicht nach dem Klostergut von St. Anna trachten würden67 68. Als die Kommissäre des Klosterrates, entsprechend einem Reichskanzleidekret vom 11. März 15726S, am 21. März 1572 neuerlich nach St. Anna kamen, erging es ihnen nicht besser als das erste Mal. Auf die Äbtissin war auch das scharfe, an sie gerichtete Dekret der Reichskanzlei vom 13. März, das sie energisch zum Gehorsam verwies, ohne Eindruck geblieben69. Die Kommissäre mußten sich damit begnügen, die wichtigsten Urkunden, Kirchenschatz, Getreide und Wein zu inventarisieren und zu versperren70. Der Kaiser zögerte noch immer, schärfere Maßnahmen zu ergreifen, denn abermals hatte ihm der Nuntius Anfang April ein Gesuch der Äbtissin vorgelegt. So verlangte er durch die Reichskanzlei ein nochmaliges Gut­achten des Klosterrates71. Dieses wurde am 12. April 1572 erstattet72 und bildete die Grundlage für das zweite Dekret der Reichskanzlei an Regina Halpeyrin vom 22. April 1572, mit dem das Schicksal von St. Anna besiegelt wurde73. Darin wurde der Nonne ihr Ungehorsam scharf ver­wiesen, ihr jedes Recht abgesprochen, die Funktion einer Äbtissin auszu­üben, da sie 1568 nur gnadenhalber und als Büßerin in das Kloster wieder 64 Bericht des Klosterrates an den Kaiser 1572 Jan. 5 (conz.); ebendort. 45 Dekret des Klosterrates an den Dompropst von St. Stephan und Offizial des Bistums Wien (conz.); ebendort. 66 Aufzeichnung des Dompropstes o. D. (or.); ebendort. 67 Gesuch der Nonne Regina Halpeyrin an den Kaiser (cop.), Beilage zum Dekret der Reichskanzlei an den Klosterrat von 1572 Feb. 25 (or.); ebendort. — Vgl. Wiede­mann, 1. c. II, S. 131. 68 or.; StA, 1. c. fz. 72. 69 cop.; ebendort fz. 2 no. A 254. — Kirchl. Topographie XI, S. 444 (Beilage 71). 70 Bericht des Klosterrates an den Kaiser 1572 März 27 (conz.); StA, 1.c. fz.72)­71 Dekret der Reichskanzlei an den Klosterrat 1572 April 2 (cop.); ebendort. 73 Bericht des Klosterrates an den Kaiser (conz.); ebendort. 73 cop., Beilage zum Dekret der Reichskanzlei an den Klosterrat von 1572 April 26 (or.); ebendort. 110

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