Historische Blätter 7. (1937)

Walter Latzke: Das Ende des Wiener Frauenklosters St. Anna

ihr Wirken auch auf die Seelsorge und das niedere Schulwesen ausgedehnt. Zunächst im Dominikanerkloster beherbergt, waren die Jesuiten am 30. April 1554 in das ihnen vom König zur Wohnung angewiesene, nahezu ausgestorbene Karmeliterkloster am Hof übersiedelt. Am 1. Oktober 1563 hatte Kaiser Ferdinand mit päpstlicher Genehmigung den Jesuiten das Karmeliterkloster mit seinen Gütern eigentümlich übertragen und damit die erste feste Niederlassung des Ordens in Wien, das sogenannte „Kaiser­liche Kollegium“ begründet. Begreiflicherweise trachteten die Jesuiten, deren Personalstand und Wirkungskreis sich ständig erweiterte, nach einer Vergrößerung der materiellen Einkünfte ihres Kollegiums. Kaiser Maxi­milian II. stand ihnen keineswegs feindlich gegenüber. Nicht nur, daß er ihnen am 20. September 1568 die Stiftung ihres Kollegs feierlich bestä­tigte, . er verschaffte ihnen nun, da das Kloster St. Anna am Erlöschen war, aus dessen Verlassenschaft eine sehr erwünschte Dotation und legte damit den Grund für ihre zweite Niederlassung in Wien. In der Zeit zwischen dem 13. September und dem 10. November 1571 hat der Kaiser sowohl durch direkte Vorstellungen von Seite des Jesuitenprovinzials P. Magius wie auch wahrscheinlich unter dem Einflüsse ihrer Fürsprecher am Hofe seinen Entschluß über die Verwendung der Güter von St. Anna wesentlich geändert58. Am 10. November 1571 erging ein Dekret der Reichskanzlei an den Klosterrat, demzufolge aus dem Einkommen von St. Anna den Jesuiten jährlich 500 fl. zu verabreichen, von dem Rest einige Theologen zu erhalten seien. Über die Art der Verwaltung der Güter wolle der Klosterrat ein Gutachten erstatten59. Ehe die Klosterräte noch dazu kamen, zu dieser Wendung der An­gelegenheit Stellung zu nehmen, erhoben sich Schwierigkeiten von einer Seite, von der man sie nicht vermutet hätte, von Regina Halpeyrin, der letzten Nonne von St. Anna. Ihre schon im August bekundete Abneigung, in ein anderes Kloster zu treten, hatte, nachdem ihr die Abfertigung ab­geschlagen worden war, den Entschluß in ihr reifen lassen, ihr Kloster nicht zu verlassen und seine Einverleibung an St. Jakob um jeden Preis 68 69 68 „História Collegii Viennensis Societatis Jesu a prima eins origine“ Cod. ms. 8367; Nationalbibliothek Wien, f. 17 (1571). „... cum autem experiremur necessitatem fratrum numerum praedicta fundatione ali non posse, cum caesare eodem anno Septembri mense P. Magius provinciális egit, ut quemadmodum se facturum spem nobis aliquando osten­derat sustentationem collegii augeret. Erat tune oblata occasio cuiusdam monasterii monialium D. Annáé, quod Viennae situm est et plane monialibus desertum erat. Eins bonis multi insidiabantur. Sub finem igitur eiusdem mensis caesar super his bonis quingentos florenos annuos collegio assignavit.“ 69 conz. (Indorsat auf dem or. Bericht des Klosterrates von 1571 Okt. 17); StA, 1. c. 108

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