Historische Blätter 6. (1934)
Walther Latzke: Besitzgeschichte der Deutschordenskommende Wien im 14. Jahrhundert
in seinen Landen heimisch gemacht hat, ist mehr als eine bloße Vermutung und wir können dafür recht gewichtige Gründe anführen. In der Steiermark war Leopold VI. seinem Vater 1195 unmittelbar gefolgt. Damit hatte er auch die bauliche Ausgestaltung der 1194 gegründeten Grenzfestung Wiener-Neustadt übernommen. Die Betrachtung des quadratisch-regelmäßigen Planes der neuen Stadt zeigt uns nun eine recht bemerkenswerte Tatsache: an der der Leitha und dem magyarischen Nachbar zugekehrten Flanke der Stadtmauer liegen zwei Bollwerke, in der Südostecke die herzogliche Burg, in der Nordostecke das Haus des Deutschen Ordens. Kein Zweifel, Leopold VI. hat den Orden bald nach 1198 hier angesiedelt und damit den Schutz der Nordostecke der Stadt in seine Hände gelegt. Und daß Leopold VI. auch die Kommende Wien gegründet hat 7, daß ihre reichen Besitzungen, deren Erwerbung aus späteren Schenkungs- und Kaufurkunden bei weitem nicht erklärt werden kann, zum guten Teil auf Schenkungen Leopolds VI. zurückgehen, wird noch aus folgenden Erwägungen klar. Herzog Friedrich II. hebt in seinen Privilegien für den Orden immer wieder das Beispiel des Vaters hervor, so 1233 bei der Gründung des Ordenshauses zu Graz: „vestigiis... viri christianissimi et devotissimi principis patris nostri felicis memorie Leupoldi ducis Austrie inherentes fratribus Hospitalis sancte Marie domus Theutonicorum in Jerusalem, qui patri nostro magis familiäres pre ceteris et fideliores extiterunt... conferimus“, und bei der Privilegienbestätigung 1239: „cum viri religiosi fratres Hospitalis sancte Marie Theutonicorum in Jerusalem suis exi- gentibus meritis tarn a sede apostolica quam a sacro imperio et a dilec- tissimo patre nostro felicis memorie Lupoldo duce Austrie multorum privilegiorum gaudeant libertate .. .“ 8 Das bezieht sich gewiß nicht lediglich auf die Förderung, die Leopold VI. dem Orden anläßlich seines Zuges gegen Damiette 1217 hatte angedeihen lassen9, als er ihm durch reiche Geldschenkungen den Ankauf jenes Territoriums in Palästina ermöglichte, auf dem dann als erstes festes Zentrum des Ordens die Burg Montfort (Starkenberg) entstand, sondern zweifellos auf die Stiftung und Bewidmung der Ordenskommenden Wien und Wiener-Neustadt und damit auf die Gründung der Ballei Österreich, der Zweitältesten in deutschen Landen. So ist es zu verstehen, daß Papst Gregor IX. am 9. September 1234 von Spoleto aus an Herzog Friedrich II. schreiben konnte: „studia pietatis, quibus dare memorie.. 7 Vgl. Voigt, Geschichte d. Deutschen Ritterordens, I, 11 ff. 8 Q I 9/17194, 17197. 9 Vgl. Juritsch, 1. c., 451. 4* 51