Historische Blätter 6. (1934)
Friedrich Walter: Maria Theresia und die österreichische Zentralverwaltung
während Fürst Kaunitz diesmal insofern weniger beteiligt erscheint, als er an diesen neuen Arbeiten hauptsächlich das negative Interesse hat, eine vollständige Umkrempelung des bestehenden Systems hintanzuhalten. Die Wiederkehr der Einrichtung von 1749 hat er denn auch verhindert; im übrigen zeigt er sich in den Internis wieder eher „etwas commod, mithin nicht sehr expeditiv“, wie Khevenhüller gelegentlich von ihm sagt. Aber auch die Aktivität der Kaiserin hält nicht bis ans Ende durch. Als nämlich der ganze Fragenkomplex schon bis zur Spruchreife durchberaten war und die notwendigen Handschreiben bereits reingeschrieben Vorlagen, da zögerte Maria Theresia mit der Unterschrift und wollte alles noch einmal zur mündlichen Verhandlung in den Staatsrat bringen; und als Kaunitz ihr dies ausredet, veranlaßt sie, obwohl sie die Billette nunmehr unterschreibt, ihre nochmalige schriftliche Begutachtung durch den Staatsrat. Der Abschluß dieser Reform muß der Kaiserin ähnlich abgerungen werden wie 1761. Es ist eine quälende Unsicherheit in Maria Theresia. Und wieder, wie 1761, scheint sie schließlich gegen ihre innerste Überzeugung die Vorschläge der Gruppe Kaunitz-Zinzendorf-Hatzfeld anzunehmen. Am liebsten hätte sie gesehen, wenn man sich über einen in letzter Stunde von Haugwitz eingebrachten Vorschlag geeinigt hätte, der ähnlich der Einrichtung von 1749 ein „Directorium in cameralibus et commercialibus“ als zentrale Verwaltungsstelle schlechthin vorsah, dort alle finanziellen und kommerziellen Geschäfte zusammenballte, nur die Publico-Politica davon abtrennte und diese mit der Würde eines Obersten Kanzlers dem jeweiligen Staatskanzler zuteilte. Aber der Plan scheiterte am Widerstand des Fürsten Kaunitz. Er fürchtete wohl eine Vermehrung seiner Amtspflichten, die ihm noch dazu keine Verstärkung seines Einflusses auf die Interna bringen konnte. Denn einmal waren es großenteils Formalia, die Haugwitz zur Staatskanzlei hinüberschieben wollte, und dann verfügte der Staatskanzler im Staatsrat über ein viel bequemeres Instrument, um seinen Ansichten, wenn er es für angebracht hielt, Geltung zu verschaffen. Mit seiner Ablehnung aber war das Projekt auch schon gefallen: gegen Kaunitz oder ohne ihn macht die Kaiserin auch um diese Zeit schon nichts mehr. Doch im Augenblick, da die neue Ordnung in Kraft und Geltung gesetzt wurde, hatte sich in der inneren Politik das Spiel der Kräfte, auf die sie basiert war, entscheidend verschoben. Die heiteren Festtage zu Innsbruck, wo Hof und Minister zur Feier der Hochzeit Erzherzog Leopolds mit der Infantin Louise von Spanien weilten, wurden jäh unterbrochen durch das plötzliche Hinscheiden des Kaisers. War auch die Rolle, die Franz I. im politischen Leben der Monarchie gespielt hatte, 16