Historische Blätter 5. (1932)

Georg Wittrock: Gorčakow, Ignatiew und Šuwalow

einzubeziehen, habe es damit der Sache des Friedens einen Dienst getan, den ihm die anderen Mächte gewiß dankbar anrechnen werden — ein Schlußwort, daß Andrássy ausnahmsweise mit einem sarkastischen Aus­fall begleitet: „Berlin par exemple!“ Während die republikanische Staatsform Frankreichs („les formes républicaines“) nach den Beobachtungen Langenaus der französischen Sache in Rußland nicht schadete, mußte dagegen der Botschafter kon­statieren, daß der Dreikaiserbund weder „in manchen Kreisen der russischen Gesellschaft“ noch in der russischen Presse sich größerer Sympathien rühmen konnte. Oft hörte man sogar die Behauptung — die Angabe kommt in einem Bericht vom 7. Juni vor — Rußlands natür­liche Bundesgenossen seien Frankreich und England, eine Allianz, die zweifelsohne auch auf den Beitritt Italiens rechnen könne — die Kon­stellation des Weltkrieges wird hier in russischen Wünschen schon 40 Jahre im voraus gezeichnet! Eine Aufmunterung von britischer Seite begegnete dem Gedanken an eine solche „entente cordiale“ nicht zu einer Zeit, in der die Interessen beider Mächte, wenigstens nach englischer imperialistischer Auffassung, sowohl in Zentralasien als im Vorderen Oriente einander scharf gegenüberstanden; aber trotz wiederholten Ab­weisungen in der englischen Presse fuhren die russischen Zeitungen fort, bei jeder Gelegenheit ihre Vorteile zu preisen. Der General findet es daher bestätigt, „daß, mit theilweisen Ausnahmen, die Politik der russi­schen Regierung keinesfalls den Beifall des Landes hat und demselben eigentlich nur vom Kaiser aufoctroyirt wird“ n. Der Gegensatz zwischen Andrássy und Gorcakow, der bei der Zu­sammenkunft in Berlin notdürftig beigelegt worden, war im Laufe des Frühlings mehrfach an den Tag getreten: in ihrer verschiedenen Stellung zu den Wünschen der bosnischen Insurgenten in der agrarischen Frage, die das, was der Minister Franz Josephs zugeben wollte, überstiegen, in seinem Widerstande gegen die russischerseits geforderte Erweiterung des montenegrinischen Bereiches sowie in der kühlen Aufnahme der Selbstverwaltungsgedanken Fürst Gorcakows bei dem ungarischen Staatsmanne. Ende März ließ nämlich der Staatskanzler in streng ver­traulicher Form mitteilen, er gelange immer mehr zu der Überzeugung, daß die einzige Lösung der Schwierigkeiten in den aufrührerischen Provinzen in einer Autonomie zu finden sei, die sie der Pforte gegenüber in eine Stellung versetze, die derjenigen Serbiens und Rumäniens 11 11 Langenau an Andrássy 25. März/6. April (wegen Frankreichs: siehe oben), 26. Mai/7. Juni (vgl. 4./16. Juni) 1876. Wien. 68

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