Historische Blätter 5. (1932)

Georg Wittrock: Gorčakow, Ignatiew und Šuwalow

Bei der möglichen Auflösung der Türkei aber war schwerlich daran zu denken, daß die russische Uneigennützigkeit die Probe bestehen würde. In dieser Ungewißheit über die künftige Entwicklung der russischen Pläne lagen unbestreitbar sprechende Gründe für das immer wache Mißtrauen des Grafen Andrássy vor. Gewiß hielt Kaiser Alexander noch treu an der Verbindung mit den beiden westlichen Nachbarn fest, die unter dem Namen des Drei­kaiserbundes ging und von deren Stärke die Zeitgenossen übertriebene Vorstellungen hegten. Aber schon in jener früheren Epoche der orientali­schen Krise hatte seine Politik mit starkem Widerstand im Innern des russischen Gemeinwesens zu kämpfen, und in dieser Beziehung hat sich Langenau keinen Illusionen hingegeben. Wenn der Staatskanzler seinen Sinn änderte oder auch von seinem Platze zurückträte — im Juli 1798 geboren, war er jetzt 77 Jahre alt — schien ihm die Lage nicht un­bedenklich, denn er war vollkommen überzeugt, daß nur Kaiser Alexander, vom Fürsten Gorcakow gestützt, die gegenwärtige Politik des Reiches aufrechtzuerhalten imstande sei. Unvorsichtige Äußerungen des Statthalters in Dalmatien, General Baron von Rodich, an bosnische Insurgenten waren nicht dazu geeignet, russische Gemüter zu beruhigen: dem „Russkij Mir“ zufolge hatte er die Bosniaken gemahnt, russischen Versprechungen nicht zu vertrauen, denn Rußland könne sie nicht schützen; es sei ja schon einmal — Rodich dachte offenbar an den Krim­krieg — von seinen türkischen Feinden geschlagen worden 6. In einem Rückblicke vom 1. Juni 1876 — kurze Zeit also nach der Kaiser- und Ministerzusammenkunft in der deutschen Reichshaupt­stadt, der das sogenannte Berliner Memorandum seinen Ursprung ver­dankte — will Langenau einen gewissen Umschlag („revirement“) der russischen Politik gerade von jenen Verhandlungen des Feldzeugmeisters Rodich mit den bosnisch-herzegowinischen Insurgenten herleiten 7. „L’Empereur Alexandre“, so schreibt er in diesem zusammen­fassenden Rapport, „est resté invariablement fidéle au programme de 1872. Sa Majesté continue ä vouloir maintenir la paix et par conséquence le status quo en Turquie, eile voit le meilleur, le seul moyen d’arriver a ce but dans la continuation de l’entente intime avec nous et l’Allemagne. L’Empereur ne pense absolument pás á de nouvelles conquétes, ou á un agrandissement de Son empire, qui n’est déjá que trop vaste. Quant au Prince Gortchacov, j’ai eu l’honneur de constater par 6 Langenau an Andrássy 31. März/12. April 1876 (Privatbrief). Wien. 7 Langenau an Andrássy 1. Juni 1876. Wien. 5 65

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