Historische Blätter 5. (1932)

Dr. Julius Marx: Eine vormärzliche Wirtschaftskrise im Lichte der amtlichen Berichte

in den Anspannungen der indirekten Steuern zu sehen. Von ihnen hat keine so böses Blut gemacht wie die Verzehrungssteuer, die „Blutsteuer des Proletariats“. Unausgesetzt finden sich Klagen und Wünsche nach Änderung in den Berichten, selbst exzessive Auseinandersetzungen gab es. Nichts konnte dem Ansehen des Wohlfahrtsstaates schädlicher sein, als die Tatsache, daß sich im Volke die Meinung ausbildete, man belaste es zugunsten der Reichen. Die steigenden Heeresauslagen brachten vor allem die Hofkammerpräsidenten zur Verzweiflung und da man Ungarn zu keiner höheren Beitragsleistung brachte, fiel die ungeheure Ausgaben­last auf Österreich. Ersparen ließ sich nichts, daher vermehrte man die schwebende Schuld und erlaubte dafür den hilfreichen Bankhäusern die erwähnte Kreditüberspannung bei der Nationalbank. Am 1. Jänner 1840 trat das Postgesetz in Wirksamkeit. Es belegte die privaten Stellfuhrenunternehmungen, die der Bequemlichkeit des Pu­blikums und dem Landhandel dienten, mit einer unverhältnismäßig hohen Taxe. So mußte ein Unternehmer für die Strecke Prag—Budweis 2000 fl., ein anderer für Prag—Pilsen 1500 fl. K.-M. vierteljährlich im vorhinein zahlen. Viele legten das Gewerbe zurück; das verminderte die Verkehrs- möglichkeiten und machte jenen, denen die staatliche Eilpost, die von Halbjahr zu Halbjahr teurer wurde, nicht erschwinglich war, das Gesetz besonders fühlbar. Schließlich wich man der allgemeinen Erbitterung und setzte die Gebühren auf die Hälfte, bei Unternehmungen der Post­meister sogar auf ein Viertel herab. 1840 kam auch das Tax- und Stempelpatent heraus. Die zwanzig­jährige Beratung, die es erfordert hatte, ließ es gleichwohl nichts an Deutlichkeit gewinnen, weshalb sich die Beamtenschaft gegen die Kund­machung ausgesprochen hatte; der Polizeioberdirektor stellte schon Be­günstigung der Reichen fest. Als man das Patent dennoch veröffentlichte, ohne daß es durch den mitgegebenen, umfangreichen Kommentar, der vom gleichen Verfasser stammte, klarer geworden wäre, was das Volk als beabsichtigt erklärte, gerieten die Gemüter in Wien „in einen äußerst aufgeregten, bis ans Unleidliche grenzenden Zustand“, wobei man schließ­lich „alle Grenzen der den Behörden schuldigen Achtung übersprang“. Man fürchtete, daß das Beispiel der Kaffeesieder, die unter Hinweis auf den Stempel Preissteigerungen versuchten, Nachahmung finden könnte. Ähnliche Klagen kamen aus Linz. In Prag erregte die gleich­zeitige Aufhebung der Erbschaftssteuer besonders den Zorn der Be­völkerung. Groß war auch die Erregung in Triest. Man beschloß, eine Deputation nach Wien zu senden. Tatsächlich beließ man dem Triestiner Handelsstand die bisherige Stempelfreiheit. 48

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