Historische Blätter 4. (1931)

Herausgegeben von Josef Karl Mayr: Das Tagebuch des Polizeiministers Kempen. September bis Dezember 1859

eine Klage wegen Diebstahls erhoben, ihn viele Monate in Haft gehalten, nun aber doch genötigt war, ihn für unschuldig zu erklären 67. Noch viele ähnliche Unannehmlichkeiten wußte Steyskal mitzuteilen. 20. November. Heute ging ich auf den Nordbahnhof, um den kürzlich mit dem Franz-Josefs-Orden ausgezeichneten Generalsekretär Sichrowsky zu begrüßen. Er lenkte bald das Gespräch auf die betrüb­lichen Verhältnisse der Monarchie und überging auf die dreiste Forde­rung der französischen Staatseisenbahngesellschaft, welche durch ihr hiesiges Organ (Maniel) entweder eine Fusion mit der Nordbahngesell­schaft in Anspruch nimmt oder mit einer Umgehungsbahn von Marchegg nach Adamsthal droht 68. Maniel war frech genug, in seinem Briefe an Sichrowsky zu sagen, das mot d’ordre käme ja von Paris. Während des langen Gespräches mit dem Generalsekretär vernahm ich dessen Be­dauern über die, wie es scheine, unbegreifliche, weil zweckwidrige und kostspielige Disponierung der Truppen, indem heuer auf der Nordbahn 700.000 Mann durch Hin- und Herreisen befördert worden sind. 21. November. Früh kam Polizeirat Felsenthal zu mir. Wiewohl er es nicht aussprach, so scheint er auf seinem Platze nicht mehr heimisch sich zu fühlen und will im Frühjahr in Ruhe gehen. Hiezu bedarf er einiger Nachweise seiner Verdienste, die ihm früher vorenthalten wurden und die nun bei Baron Thierry einzuholen ich ihm riet. Meine Verwal­tung erklärte er für ehrenvoll, nur hätte ich mich mit Männern umgeben, die ich nicht gekannt; Regierungsrat H. erklärte er z. B. für einen Wucherer. Als diesen kannte ich ihn freilich nicht. Vor 11 Uhr besuchte ich Gen. d. K. Graf Schlik. Er begann seine höchst interessante Besprechung mit dem Ausrufe: „Wir alle waren sehr betroffen über Deine Entfernung!“ Er tadelte Fml. Graf Clam und Fürst Eduard Liechtenstein, dann Fml. Graf Zedtwitz 69 und staunte, daß man letzteren nicht anders als durch Pensionierung strafte. Den Verlust der Schlacht bei Solferino schreibt Schlik dem Fzm. Graf Wimpffen 70 zu, 67 Ich habe nichts Näheres über diesen Fall in Erfahrung bringen können. 08 Die Hauptlinien der Staatseisenbahngesellschaft endeten damals von Bodenbach her in Brünn, von Temesvár her in Marchegg. Die Strecke Marchegg—Brünn gehörte der Nordbahngesellschaft. Diese mußte schwere Ein­buße erleiden, wenn die Staatseisenbahngesellschaft zwischen Marchegg und Adamsthal (bei Brünn) eine Konkurrenzlinie errichtete. 89 Die bekannteren der — teils aus eigener, teils aus fremder Schuld — unglücklichen Heerführer auf dem lombardischen Kriegsschauplätze. Schlik selbst kommandierte bei Solferino die 2, Armee. — 70 Vgl. den 11. November 1859. 94

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