Historische Blätter 4. (1931)

Herausgegeben von Josef Karl Mayr: Das Tagebuch des Polizeiministers Kempen. September bis Dezember 1859

Ich schlug daher eine kommissionelle Ausscheidung, somit Beseitigung der Gendarmerienotizen vor, womit der Kaiser einverstanden zu sein schien. Ich sage „schien“, denn alle seine Äußerungen ermangelten heute der Bestimmtheit. Er war kalt und einsilbig. Nur als ich fragte, ob er am 6. November zur Feier der 50jährigen Priesterschaft des Kardinal- Primas 17 gehen werde, sagte der Kaiser laut lachend: „Gott bewahre! Das wird dem Kardinal wieder ein ungeheures Geld kosten.“ Die Über­gabe der Gendarmerie-Generalinspektion 18 wurde heute vollendet und ich verließ auch die bisher innegehabte Wohnung im Ungarischen Garde­gebäude 19, um in meine mir gemietete Wohnung zu übersiedeln. Die Trennung von den Räumen, in welchen ich durch zehn Jahre fast mit Eifer, Lust und Treue den beschwerlichsten Pflichten eines Staatsdieners oblag, war sehr schmerzlich für mich und niemand weiß, wie tief mein Herz in der Stunde geblutet, in welcher ich sie verließ. Gott verzeihe allen, die Hand an mich und mein Werk gelegt und Gott trockne bald die Tränen meiner Seele! 22. Oktober. Heute erhielt ich die Nachricht, es habe S. M. der Kaiser den Baron Hübner seines Postens in Gnaden enthoben und den Baron Thierry zum Polizeiminister zu ernennen geruht. Noch weiß ich die Ursachen dieses Wechsels nicht, finde mich indessen durch denselben gewissermaßen gerechtfertigt und zufriedengestellt. Thierrys Wahl freute mich; ob er aushält, bezweifle ich. Ich glaube aber, daß früher noch dem Baron Hübner auch andere Herren des buntscheckigen Ministeriums nachfolgen werden. 23. Oktober. Die heutige „Wiener Zeitung“ veröffentlicht ein ah. Handschreiben an den Grafen Grüntie, gemäß dessen er auf sein An­suchen vom Posten des Ersten Generaladjutanten des Kaisers enthoben, ihm das Großkreuz des Stefansordens erteilt und er zum Oberststall­meister ernannt wird. Fml. Graf Franz Crenneville übernimmt die bis­herigen militärischen Geschäfte des Grafen Grünne. 26. Oktober. Heute hatte ich eine Unterredung mit Fürst Karl Liechtenstein 20, von dem ich manches erfuhr, was ich noch nicht wußte. 17 Johann Baptist von Scitovszky, Fürsterzbischof von Gran. 18 Seit 1849 war Kempen auch Generalinspektor der österreichischen Gendarmerie. 19 Das alte Palais Trautson in der Museumstraße, heute Sitz des Ungarischen Historischen Instituts. 20 Erster Obersthofmeister des Kaisers. 6* 83

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