Historische Blätter 4. (1931)

Herausgegeben von Josef Karl Mayr: Das Tagebuch des Polizeiministers Kempen. September bis Dezember 1859

Text. 19. September. Den Grafen Grünne1 fand ich nicht. Erzherzog Albrecht 2 empfing mich sehr freundlich, vermied jedoch sorgfältig jede Beziehung auf meinen Rücktritt; doch sprach er lange mit mir. Erzherzog Wilhelm3 erklärte, von der künftigen Organisation der Gendarmerie nicht viel zu wissen; es komme nun auf die Anträge des Grafen Goluchow- ski 4 an. Ich machte aufmerksam, daß dieser ein ausgesprochener, leiden­schaftlicher Gegner, wo nicht Feind, der Gendarmerie sei. 26. September. Heute sprach ich mit Hofrat Thierry 5. Ich entnahm, daß er nicht zufrieden und daß er mit mir die Meinung teilt, Baron Hübner6 fasse eine solche Position, die ihm die Nachfolge an Rech­bergs 7 Stelle wesentlich erleichtert. Über Hofrat Lewinskys8 9 Haltung befragt, sagte Thierry, sie mißfalle ihm, da er anfänglich den Ultra­montanen gespielt habe, dermalen aber es nicht mehr sei. Meiner Ver­wunderung, warum unter solchen Umständen Baron Hübner ihn nicht beseitige, entgegnete Thierry, daß Hübner erklärt, Lewinsky sei dessen fähigster Referent, den er früher ganz auspressen wolle, ehe er ihn weg­wirft. Ich war erbaut von solcher Arglist, wiewohl ich Lewinsky nicht zu bedauern vermag. 30. September. Fml. Hartmann8 kam im Aufträge des Polizei­ministers und ersuchte um die Ausfolgung der Akten des Präsidiale I 1 Erster Generaladjutant des Kaisers. 3 Generalgouvemeur in Ungarn. 3 Chef des k. k. Armeeoberkommandos in Wien. * Minister des Innern seit 21. August 1859, Nachfolger Bachs. 6 Im außerordentlichen Dienst des Ministeriums des Äußern. 0 Polizeiminister seit 21. August 1859, Nachfolger Kempens. 7 Minister des Äußern seit 17. Mai 1859, Ministerpräsident seit 21. August 1859. 8 Im Dienste des Polizeiministeriums. 9 Eine der zahlreichen Registraturen der Obersten Polizeibehörde von be­sonders vertraulichem Inhalte; vgl. die folgenden Eintragungen. 6 81

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