Historische Blätter 4. (1931)

Karl Großmann: Metternichs Plan eines italischen Bundes

zichten. Das hätte auch kein anderer Staat an seiner Stelle getan. Auch daß es einst möglich sein werde, Österreich ganz zu verdrängen, konnte um 1815 noch niemand voraussehen und unter den gegebenen Umständen, konnte die Lega noch als beste nationale Lösung gelten. Wir werden auch noch betonen dürfen, daß Österreich als saturierte Macht nur auf Erhaltung ausging und das tun Siegerstaaten auch heute noch. Mora­lische Betrachtungen sind darüber nicht am Platze, wir werden vielmehr dieses Streben als Ausdruck des berechtigten Staatsegoismus verstehen.. Wir werden allerdings dasselbe auch der Gegenpartei zubilligen müssen. Auch die italienischen Fürsten waren im Recht, wenn sie glaubten, sich nicht weiter binden zu dürfen, wie ja auch heute die europäischen Staaten umfassenden Bundesplänen gegenüber vorsichtig sind. Zu Sar­dinien aber ist zu sagen, daß es doch nicht bloß um seine Freiheit kämpfte. Für territoriale Vorteile und Teilnahme an der Vorherrschaft wäre es für die Lega zu haben gewesen. Und es verstand unter seiner Freiheit doch hauptsächlich die Möglichkeit, sich zu vergrößern, was ja Metternich gerade verhindern wollte. Es war Sardinien eben nicht saturiert und hatte damals schon sehr weitgehende Pläne. Schon 1817 suchte es Rußland für den Gedanken eines italienischen Staates unter sar- dinischer Führung zu interessieren 198. So stand Staatsegoismus gegen Staatsegoismus, stand der ruhewillige Dynastenstaat der früheren Zeit gegen den verdrängenden Nationalstaat des 19. Jahrhunderts. Und der Schwache blieb Sieger über den Starken. Schon Metter­nich, der den großen Napoleon überlistet hatte, vermochte nicht, das kleine Sardinien zu bezwingen. Einerseits scheint er den Gegner zu sehr unterschätzt und sich zu sehr nur auf die Mittel des Druckes verlassen zu haben, wogegen Sardinien, in die Enge getrieben, die politischen Möglichkeiten, die der Bestand eines Staatensystems gibt, klug zu nützen verstand. Und Sardinien vertrat die Idee der Zukunft, Österreich die der Vergangenheit und die historische Schuld Metternichs, mehr allerdings noch die des Kaisers ist eben, daß er diese Idee so gar nicht verstehen wollte. Das mußte verhängnisvoll werden in Italien wie in Deutschland und schließlich in Österreich selbst. Uns aber vermag es vielleicht ein Trost sein, am Beispiel Sardiniens zu sehen, was auch ein schwacher Staat bei kluger und fester Politik zu erreichen vermag. 198 Mémoire des sard. Ges. in St. Petersburg, Grafen Brusasco, b. Bianchi, Bd. 1, S. 442 ff. 76

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