Historische Blätter 4. (1931)

Ferdinand Bilger: „Großdeutsche“ Politik im Lager Radetzkys

der lega italica Metternichs in neuer Gestalt verwoben 148. Radetzky stand im neunten Jahrzehnt seines Lebens. Eine vergehende Zeit war bei aller bewahrten Kraft seines Geistes in ihm verkörpert. Er stand, wenn hier ein Dichterwort angewendet werden darf, „auf zweier Zeiten Schlachtgebiet“. Nicht ohne innere Bewegung hält man jenen Akt des Wiener Staatsarchivs in der Hand, in welchem der alte Feldmarschall noch selber — am 17. Oktober 1850 — über die Berufung des Grafen Cavour in das Ministerium Piemonts berichtet149 150. Der Name des Mannes, der binnen wenigen Jahren das Werk Radetzkys in Italien vernichten sollte, steht in diesem Augenblick als das lebendige Sinnbild einer neuen Zeit ergreifend vor uns. In demselben Bericht — es sind die Tage vor der Entscheidung von Olmütz — heißt es dann weiter: „In Piemont wird die deutsche Angelegenheit mit Spannung verfolgt. Man hat Gelegenheit gehabt, aus vielseitigen Korrespondenzen aller Farben zu entnehmen, daß ... die Lösung dieser Frage als der Punkt angesehen wird, von wo das Signal zu einer neuen Schilderhebung der Halbinsel ausgehen könnte.“ Der preußische Staatsmann, der die nachwirkenden Kräfte der deutschen Revolution in den kommenden Jahrzehnten in die Segel seines Staates auffangen sollte, stand in dieser Stunde noch im Lager Radetzkys. In seiner Olmütz-Rede warnte Otto von Bismarck Preußen, „sich in jene Rolle drängen zu lassen, welche Turin in Italien gespielt hat“ 15°. 148 Vgl. Srbik, Metternich I. 206. 149 Radetzky an Schwarzenberg, Hauptquartier Verona am 17. Oktober 1830, Nr. 741/M. S. sep., Wien, Staatsarchiv. 150 Horst Kohl, Die polit. Reden des Fürsten Bismarck I. 277 36

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