Historische Blätter 4. (1931)
Ferdinand Bilger: „Großdeutsche“ Politik im Lager Radetzkys
„Je weniger Österreich von allen Seiten revolutionären Feinden face bieten muß“ — so hatte der Feldmarschall am 26. März des Jahres, wie wir wissen, an Schwarzenberg geschrieben — „desto eher wird Deutschland in ihm den Freund erkennen, der es mit dem ganzen Gewichte seiner Macht vor demagogischem Treiben ... bewahren kann.“ War dem auch wirklich so? Für Italien hatte Radetzky die „Vermehrung“ der österreichischen Streitkräfte bis zum Abschluß des Friedens, dessen Verhandlungen mit immer neuen Reibungen und Verzögerungen vor sich gingen, in eben diesem Schreiben als „ein imperioses Bedürfnis“ bezeichnet. In Ungarn bedurften die Österreicher zur selben Zeit der russischen Hilfe, um eines tapferen und hartnäckigen Rebellen Herr zu werden. In Wahrheit war im Frühsommer von 1849, als die letzten starken Wellen der Revolution in Deutschland aufbrandeten, der „ersten echte deutsche Herz schmerzlich ergreifen muß. Das also ist die deutsche Einheit, von der man so viel auf den Rednerbühnen faselte? Das halb in Trümmern liegende Dresden beweist, wohin man wollte. Was man in Wien und Berlin nicht durchzuführen vermochte, das soll nun in den kleineren deutschen Residenzen versucht werden. Um dieser Pläne willen hatte man für Österreich kein Mitgefühl, keine Rücksicht für seine innere Lage, man mußte eilen, ehe diese Macht wieder erstarkte, denn das mag man wohl begriffen haben, daß Österreich Deutschlands Verstümmelung nicht zugeben werde, dasselbe Österreich, das eine lange Reihe von Kaisern dem deutschen Throne gegeben. Fragen Sie doch die gelehrten Herren in Frankfurt, ob sie in Deutschland eine Quadratmeile finden werden, auf der nicht Österreichs Heere ihr Blut für Deutschlands Ehre und Rettung verspritzten? Nein, diese Macht drängt man so leicht nicht aus der Reihe deutscher Staaten. Noch lebt, Gott sei Dank! deutscher Sinn und deutsche Treue in den Herzen deutscher Krieger, noch zählt Deutschland edle Fürsten genug, die eher unter den Trümmern ihrer Hauptstädte sich begraben, als dulden werden, daß Deutschlands Geschicke so unwürdig behandelt und zu Grabe getragen werden. — Sie werden meine Sprache stark finden; mag sein, aber ich versichere Sie, auch meine Gefühle sind stark, wenn ich auf das blicke, was jetzt in Deutschland vorgeht, und das allein seine Quelle in Frankfurt hat. Was ist aus dem deutschen Nationalparlamente geworden? Was aus den Hoffnungen, die man an diese nun verstümmelte und ungesetzmäßige Versammlung knüpfte? — Wie konnte es aber auch anders werden, wenn man gestattete, daß die Mitglieder dieser Versammlung in Deutschland herumzogen, um hinter Barrikaden die Anarchie zu organisieren, als man seine eigenen Kollegen in den Straßen Frankfurts schändlich ermorden ließ. — Meine Herren Abgeordneten Österreichs! Ich wünsche Ihnen Glück, daß Sie eine Versammlung verließen, in der kein Österreicher mehr sitzen kann, ohne seine Pflichten als Deutscher und Österreicher zu verletzen. Hauptquartier Mailand, 18. Mai 1849.“ Verfasser unbekannt, vielleicht FML. Schönhals. — Der Abgeordnete Dr. Herz war laut Sten. Ber. am 16. April 1849 aus der Nationalversammlung ausgetreten. 34