Historische Blätter 4. (1931)

Fritz Reinöhl: Aus dem Tagebuch der Erzherzogin Sophie

richtet sie, daß die Kaiserin, Erzherzog Franz Karl und Schwarzenberg sie aufsuchten und letzterer die Manifeste, die in der nächsten Woche, d. i. vom 19. bis 25. November, publiziert werden sollten, vorlas. Aus einer späteren Eintragung 39 ist ersichtlich, daß hiefür dann der 23. November vorgesehen war, aus einem Briefe der Kaiserin ist ersichtlich, daß dann der 27. oder 28. dieses Monats in Aussicht genommen wurde 40. Die im Ministerrat auftauchenden Schwierigkeiten dürften die abermalige Ver­schiebung auf den 1. bzw. 2. Dezember veranlaßt haben. Mit dem Re­gierungsantritt Kaiser Franz Josephs scheint, wenn man dem Tagebuche folgen kann, Erzherzogin Sophie politisch stärker in den Hintergrund getreten zu sein. Ihre Aufzeichnung vom 1. Jänner 1852 ist in dieser Hinsicht recht bezeichnend; sie begrüßt beglückt die Silvestergesetze „la reorganisation du gouvernement sur la base solide du principe monar- chique, qui reprend les bonnes loix de Landen temps et y ajoute ce que les temps actuels exigent“, muß sie sich aber durch Erzherzog Ludwig, Franz Karl und Franz Joseph erläutern lassen. Erzherzogin Sophie hat zweifellos in den ersten Regierungsjahren Franz Josephs auf ihn Einfluß genommen; zur Beilegung des Konflikts mit Preußen 1850 hat sie redlich beigetragen. Ebenso zweifellos aber ist es — dies beweisen eben ihre Eintragungen — daß ihr Einfluß nach dem Regierungsantritte Franz Josephs bei weitem nicht jenem entsprach, den sie vor dem 2. Dezember 1848 übte, vor allem, daß sie nicht tätig eingriff. Damit aber sinkt auch der Wert ihres Tagebuches. Einer Eintragung jedoch muß noch besonders gedacht werden, die völlig Neues bringt. Am 4. Jänner 1849 vermerkt Sophie, daß sie Ritter von Buss, das bekannte Mitglied des Frankfurter Parlamentes, empfangen habe, welcher im Aufträge des Reichs Verwesers nach Wien gekommen sei, um Franz Joseph zur Annahme der deutschen Kaiserkrone zu bewegen. Obwohl sie angibt, daß dieses Angebot sie erschreckte, fehlen weitere Mit­teilungen hierüber. „Für die Idee der deutschen Kaiserkrone habe ich nie geschwärmt“, bemerkte sie eineinhalb Jahre später zu Vitztum 41. Es folgt nun der Text des Tagebuches nach Schiitters wortgetreuer Abschrift. In eckige Klammern gesetzte Worte bedeuten Vermerke Schiitters, Punkte Auslassungen Schiitters. Die Namenskürzungen des Originales wurden beibehalten. 39 Tb. 1. XII. 1848; vgl. auch Hübner a. a. O. S. 310. 40 Vom 24. XI. an Windischgrätz, bei Helfert, Gesch. Österreichs Bd. 3 S. 355. 41 A. a. O. S. 281. 116

Next

/
Oldalképek
Tartalom