Historische Blaetter 2. (1921)

Eduard v. Wertheimer: Neues zur Orientpolitik des Grafen Andrássy (1876-1877)

bestimmt haben, sich am 9. Mai nach Berlin zu begeben, um am nächsten Tage, unmittelbar nach seiner Ankunft, mit dem Reichs­kanzler eine Unterredung zu haben1. Andrássy selbst war es daran gelegen, etwas früher oder später als die Russen in Berlin zu er­scheinen, damit ein gleichzeitiges Eintreffen nicht so gedeutet werde, „als ob meine Anwesenheit nur auf Wunsch des Kaisers Alexander erfolgt sei“1 * 3. Andrássy weilte vom 11. bis 14. Mai in der deutschen Metropole, wo eingehende Beratungen mit dem Zaren und Gortschakow über die türkischen Zustände stattfanden. Das geschah unmittelbar nach der am 6. Mai erfolgten Ermordung des deutschen und des französischen Konsuls durch die fanatisierte türkische Bevölkerung von Saloniki. Ähnlichen blutigen Vorfällen sollte für die Zukunft vorgebeugt werden. Gortschakow wollte jedoch sofort gründlich Vorgehen. Er hatte ein Memorandum mitgehracht, in dem er nichts Geringeres als schon jetzt eine Verständigung über das Los der Türkei für den Fall verlangte, wenn sie der Auflösung nicht mehr entgehen könnte. Andrássy be­wunderte wohl das russische Schriftstück als höchste Leistung diplo­matischer Kunst. Dieser Tribut an die Eitelkeit Gortschakows hinderte ihn aber nicht, es in Form von Amendements in allen seinen Haupt­teilen zu erschüttern. Aus den Wortkämpfen zwischen ihm und Gortschakow war ein ganz neues Memorandum hervorgegangen, das mit dem ersten nur mehr wenig Verwandtes aufwies3. Es war das Werk des österreichisch-ungarischen Ministers des Äußern, von diesem dem Baron Jomini, dem Adlatus des russischen Staatskanzlers, in die Feder diktiert. Gortschakow bestritt denn auch, daß dieses neue Me­morandum als sein geistiges Kind betrachtet werden könnte. Aus­drücklich betonte er, daß) es mit Unrecht nach ihm benannt werde. Zu dieser Ehre, führte er an, sei er nur dadurch gekommen, daß er von Bismarck und Andrássy betraut wurde, den im Berliner Auswär­tigen Amte versammelten Vertretern Englands, Frankreichs und Ita­liens den Inhalt des neuen Memorandums mitzuteilen, das eigentlich den Namen Andrássys führen sollte4. Der Versuch, sich schon jetzt über eine Teilung der Türkei zu verständigen, war abgeschlagen wor­den. Die ganze Aktion schrumpfte auf die Betonung von Garantien für 1 Andrássy an Károlyi, 7. Mai 1876. Ibidem. * Idem ad eundem, 29. April 1876. Ibidem. 3 Telegramm Andrássys an Franz Josef I., 12. Mai 1876. „Ich muß aber einen förmlichen Gegenvorschlag ausarbeiten.“ W. St. A. 4 Langenau an Andrássy, lettre particuliére 19. Juli 1876. W. St. A.

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