Historische Blaetter 2. (1921)

Eduard v. Wertheimer: Neues zur Orientpolitik des Grafen Andrássy (1876-1877)

reichs und Rußlands auseinandergingen, diese Gegensätze doch in früheren Zeiten nicht schroff genug hervorgetreten waren, um zur Zeit des Kaisers Nikolaus die intimsten Beziehungen zwischen den beiden Kaiserhöfen zu hindern.“ Der neue Gesandte war durchdrungen vom Glauben, es werde nicht unmöglich sein, die peinlichen Erinnerungen an den Krimkrieg; zu verwischen. In erster Reihe richtete er daher sein Augenmerk darauf, den besonders von untergeordneten Organen mit Vorliebe betriebenen gegenseitigen Verdächtigungen entgegenzu­wirken und das einen hohen Grad erreichte Mißtrauen zu tilgen. „Um die Lage zu verbessern“ — heißt es in seinen Aufzeichnungen — „schien es mir vor allem notwendig, wieder gegenseitiges Vertrauen zu erwecken, die Überzeugung herbeizuführen, daß nicht unbedingt hinter jedem Schritt der einen Regierung ein tief angelegter feind­seliger Plan gegen die andere liegen müsse, wie dies der Brauch ge­worden war, zu glauben, und dann endlich auf gewisse Aufmerksam­keiten von unserer Seite für den russischen Hof hinzuwirken, für welche man nirgends mehr als in Rußland empfänglich ist und die oft arg vernachlässigt worden waren, während man von Berlin aus in dieser Hinsicht Großes leistete. Meine Audienz beim Kaiser“ — fügt er hinzu — „meine Unterredungen mit dem Fürsten Gortschakow und mit den maßgebenden Persönlichkeiten hatten in mir die Überzeugung zur Reife gebracht, daß die Dispositionen zur Versöhnung hier (Peters­burg) wirklich sehr gut waren und daß man freundliches Entgegen­kommen unsererseits gewiß nicht von der Hand weisen würde“1. Für eine Politik der Annäherung an Rußland konnte sich Graf An- drássy keinen beredteren und eifrigeren Mitarbeiter in Petersburg als Freiherrn v. Langenau wünschen. Es konnte diesem nur dér Vorwurf gemacht werden, daß er in seiner Russenfreundlichkeit nicht immer das gehörige Maß einhielt, während er seiner tiefen Abneigung gegen Bismarck, in dem er einen ausgesprochenen Feind Österreichs sah, allzusehr die Zügel schießen ließ. Andrássy teilte nicht ganz die rosige Stimmung seines Vertreters und schenkte den Versicherungen Rußlands nur halben Glauben. Die gegenüber Gortschakow gebotene Vorsicht hinderte den österreichisch-ungarischen Minister aber nicht, an der fortgesetzten Pflege guter Beziehungen zu Rußland. Dazu ver- anlaßte ihn in erster Linie der für das Gedeihen der von ihm geleiteten Monarchie nötige Friede, wie auch die Rücksicht auf das eben herge­stellte gute Verhältnis zum Deutschen Reiche, das gleichzeitig ein Freund Rußlands und Österreich-Ungarns sein wollte. Nur mit Hilfe 1 Freiherr von Langenau, Mein Wirken. W. St. A.

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