Historische Blaetter 2. (1921)

Heinrich Glück: Kunst und Künstler an den Höfen des 16. bis 18. Jahrhunderts und die Bedeutung der Osmanen für die europäische Kunst

anderen Falle mit größerer oder geringerer Sicherheit angenommen werden kann. Der osmanische Palastbau unterscheidet sich von dem europäischen vor allem dadurch, daß es sich dort nicht um große ge­schlossene, auf repräsentative Auswirkung angelegte Gebäudemassen handelt, sondern das weite, üppige Gartenareal die gegenüber ande­rem Besitz monumentale Einheit bildet, innerhalb der der „Palast“ nur als eine Summe verstreuter, leicht gebauter Einzelobjekte, eben der „Kioske“ erscheint. Diese Art hat — allerdings ebenfalls wieder nur in einer spielerisch modischen Art — in den Pavillons, die? in den Schloßparks als Erholungs- und Rendezvousplätzchen verstreut wurden, seine europäische Auswertung im 17. und 18. Jahrhundert gefunden. Im 18. Jahrhundert scheint darin allerdings das chinesi­sche Element eine besondere Rolle zu spielen und beeinflußt auch deren Formen. Ist doch China in erster Linie das Land solcher Gartenhäuschen. Wie sehr aber gerade da mit einer Vermittlung von osmanischer Seite zu rechnen ist — ist doch dort die Einwir­kung des Chinesischen über Persien immer stark vorhanden gewesen — das geht aus den darin üblichen Dekorationsmalereien hervor, dteren Stoffe deutlich erkennen lassen, daß diese Lustgebäude mehr im Zu­sammenhänge mit dem vorderen als mit dem weiteren Orient gedacht und empfunden werden1, und daß selbst dort, wo die Absicht der Chinoiserie deutlich zutage liegt, wie etwa in dem „chinesischen Teehaus“ in Sanssouci2, die Einzelheiten bereits das Hindurch­gegangensein durch das Osmanische erweisen; so hat — abgesehen von der auch hier auftretenden in den Gebäudteblock einbezogenen Vorhalle und den statt der Säulen verwendeten künstlichen Palmen (s. o.) — dieses knapp vor Ausbruch des Siebenjährigen Krieges er­baute Beispiel, in dem kuppelartigen Aufbau und dem bleigedeckten, charakteristisch, aber nur sehr allgemein ostasiatisch geschweiften Dache seine unmittelbaren Verwandten in den im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts unter Ahmed III. erbauten Brunnenkiösken, deren bekanntester vor dem Eingänge des alten Serais in Konstantinopel steht3. Im übrigen sind ja, wie die chinesischen Pagoden auch tür­kische Moscheen in den englischen und deutschen Parks als kuriose Schaustücke errichtet worden*. i 1 Man denke z. B. an die „exotischen Idyllen“ des österreichischen Barock­malers Joh. B. Bergl (siehe A. Weixlgärtner, Johann Bergl, Jahrbuch d. k. k. Z. Komm., N. F. I, 1903, S. 331 ff. * Abb. sh. bei Gothein, II, S. 276. 3 Siehe H. Glück, Türkische Dekorationskunst, a. a. 0., S. 35, Abb. 47. 4 Z. B. die Gartenmoscheen in Kewgarden und Schwetzingen, sh. Gothein, Abb. 586 und 601.

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