Historische Blaetter 1. (1921)

August Fournier †: Die europäische Politik von 1812 bis zum ersten Pariser Frieden

sollte unter der Bedingung stattfinden, daß das Königreich Polen auf ewige Zeiten mit Rußland vereinigt bleibe, dessen Kaiser den Titel »Zar aller Reußen und König von Polen« führen werde. Er wolle dem König­reich eine liberale Verfassung geben. Die Einverleibung Galiziens solle bis zur Zustimmung Österreichs verschoben werden, dem er dafür die türkischen Donaufürstentümer Moldau und die Walachei anbieten wolle So würde der polnische Staat anfänglich (dans le commencement) aus dem Herzogtum Warschau und den russisch-polnischen Provinzen ge­bildet werden1. Der Erfolg, den der Zar im nächsten Jahr über Napoleon davontrug, hat den Plan in seinem Entschluß noch mehr gefestigt, und er entwickelte ihn in einem zweiten Schreiben, vom 13. Jänner 1813, an den Freund aufs neue. Darin hieß es, er halte an der polnischen Idee fest; nur sei ihre Durchführung schwierig, weil, wenn sie offenkundig würde, die deutschen Mittelmächte leicht wieder in die Arme des französischen Empire zurückgetrieben werden könnten2. Und so peinlich hütete der Zar Preußen gegenüber sein Geheimnis, daß er an demselben 13. Jänner dem preußischen Abgesandten Natzmer wiederholt versicherte, er be­zwecke durch die Fortsetzung des Krieges keinerlei Eroberung, da sein Reich mehr denn zu groß sei, und wolle nur die Macht Frankreichs über den Rhein zurücktreiben. Was Polen betreffe, so scheine auch ihm wie dem König dessen alte Teilung unter Österreich, Preußen und Ruß­land das beste zu sein3. Und tatsächlich blieb sein Briefwechsel mit Czartoryski dem Preußenkönig unbekannt, so daß Friedrich Wilhelm, als er sich von Napoleon lossagte und in Verhandlungen mit Rußland eintrat, sofort Anspruch auf alle seine früheren polnischen Provinzen erhob, in denen von 1793 bis 1807 viel preußisches Kapital investiert worden war und auf deren Wiedergewinnung er und sein Kanzler Hardenberg großes Gewicht legten. Besser unterrichtet war Metternich, der leitende Minister Österreichs, dessen Kaiser Franz F. von Alexander gleichfalls zum Bündnis wider Napoleon eingeladen worden war. Metternich erhielt auf heimlichen Wegen Kenntnis vom Inhalt der verstohlenen Korrespondenz des Zaren und wurde sofort sehr besorgt. Schien es bei so umfangreicher Macht­1 Mazade, Alexandre et le Prince Czartoryski, p. 158f. Das Schreiben ist vom 31. Jänner 1811 datiert. 1 Oncken, Österreich und Preußen im Befreiungskriege, I. 230ff. — Luckwaldt, Österreich und die Anfänge des Befreiungskrieges, S. 143. * Natzmer, Aus dem Leben Oldwigs v. Natzmer, S. 100. Ich habe keinen Grund, an der Wahrheit dieses Berichtes zu zweifeln, wenn auch die Art der Überlieferung zur Vorsicht mahnt.

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