Historische Blaetter 1. (1921)

August Fournier †: Die europäische Politik von 1812 bis zum ersten Pariser Frieden

vor der französischen Umwälzung dem europäischen Staatensystem 'zur Richtschnur gedient und dessen Kraftverhältnisse in einem gewissen Gleichgewicht erhalten hatte. Dieser Zustand des Gleichgewichts oder, wie Friedrich Gentz es einmal richtiger bezeichnete, der Gegengewichte der Staaten, war aber gerade den Interessen Englands zugute gekommen, dem jedes politische Übergewicht jenseits des Kanals seine Kreise störte, die sich bereits über alle Ozeane hinzogen. Napoleon verlor in Rußland sein stolzes Heer von fast einer halben Million Soldaten bis auf kümmerliche Reste. Und da Zar Alexander I. keinen Sonderfrieden mit ihm schloß, sondern über seines Reiches Grenzen hinaus den Kampf fortzusetzen willens war, ward damit allen denen ein Stützpunkt dar­geboten, die des Joches französischer Übermacht ledig zu werden wünschten. Das war eine schöne und dankenswerte Rolle für Alexander I., in dessen eitles und wenig charaktervolles Wesen mancher ideale Zug ein­gepflanzt war, so als Befreier eines ganzen Erdteiles zu gelten — vor­ausgesetzt, daß er sie uneigennützig und ohne seinerseits zum Eroberer zu werden spielte. Das war aber nicht der Fall. Denn auch das noch halb barbarische Moskowiterreich war seit lange schon ein expansiver / Staat, dessen Volk nur diejenigen seiner Herrscher zu den großen zählte, die, wie Peter und Katharina II., neues Landgebiet, insbesondere nach West und Süd, den Meeren zu gelegen, erworben hatten, und Alexander hatte dieselbe Bahn betreten. Er war nicht ohne Glück darauf vorwärts gekommen. In einer Zeit, da die europäischen Mittelmächte an Frank­reich und seine Gefolgstaaten ausgedehnte und wertvolle Territorien ver­loren, hatte er im Bündnis mit Napoleon sein Reich sehr ansehnlich — durch Finnland (1809), Ostgalizien (1810), Bessarabien (1812) —zu ver­größern gewußt. Und auch jetzt wieder, im Kampf mit ihm, strebte er nach neuem Gebietserwerb, der das Prinzip des Gleichgewichts der Mächte nur zu leicht von seiner Seite her in Frage stellen konnte. ^ Schon im April 1812 — und später im August — hatte er sich der Unterstützung Schwedens versichert, indem er dem Kronprinzen Berna- dotte das dänische Norwegen versprach, wofür er dessen Zustimmung für den Fall gewann, daß sich — wenn Napoleons Feldzug mißlang — der russische Staatsboden über ostpreußisches Land bis zur Weichsel ausdehnen sollte1. Nur wenn Preußens König, Friedrich Wilhelm III., sich von Napoleon trennen und ihm sich anschließen wollte, — so ließ er sich, als die französische Invasion dann wirklich gescheitert war, 1 Vgl. W. Oncken, Vom Vorabend des Befreiungskrieges. (Räumers Histor. Taschenbuch, 1892, S. 20, nach englischen Quellen.)

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