Historische Blaetter 1. (1921)

Harold Steinacker: Geschichtliche Notwendigkeiten deutscher Politik

Schweiz oder wie die verschiedenen Randstaaten westlich der russischen und östlich der deutschen Grenze ihre Neutralität und Unabhängigkeit in kommenden Stürmen auf die Dauer behaupten können, ob sie nach hundert Jahren im heutigen Umfang und mit ihrer bisherigen Souveränität noch bestehen werden, kann heute niemand verbürgen. II. Wem das Bild deutscher Geschichte, das wir bisher entrollt, noch nicht eindeutig genug ist, wer noch immer die Frage erhebt, ob nicht doch die Macht, die Überspannung der Macht am Bismarckschen Reich es war, die uns nach kurzem Höhendasein wieder in die Tiefe gestürzt hat, dem gibt vielleicht ein kurzer Vergleich der Reichsgründungen von 1871 und von 962 Klarheit. Ich gehe auf ihn ein, obwohl ich, wie zum Schluß noch zu sagen sein wird, die ganze Fragestellung für falsch halte. Auch dadurch möchte ich mich nicht abhalten lassen, daß diese Dinge auf den ersten Blick etwas fernliegend scheinen. Die Kräfte, um deren Spiel es sich 962 handelte, heißen anders und sind zum Teil auch andere als heute. Dennoch werden sich Ihnen die überraschenden Entsprechungen und Ähnlichkeiten zu der Lage von 1871 und zur Lage vor der Gründung eines dritten Deutschen Reiches, also zu der heutigen Lage, bald aufdrängen. Genau wie dem neuen Kaiserreich hat man auch dem alten vorge­worfen, daß es durch überspannte Machtansprüche unser Volk schwer geschädigt habe. Die Romfahrten hätten viel deutsches Blut gekostet, ohne daß der Glanz der Kaiserkrone einen wirklichen Machtzuwachs bedeutet hätte. Im Gegenteil, die Niederlage im Kampf mit dem Papsttum über die Macht des Königtums auch gegenüber den Fürsten vernichtet. Nähere und wichtigere Aufgaben seien darüber versäumt worden, so die rechtzeitige Eindeutschung slawischer Landschaften. Aus dem kleindeutschen Historiker Sy bei, der all dies 1862 aus­sprach, sprach dabei die politische Richtung. Schon 1848 in der Pauls­kirche hat bekanntlich die sogenannte kleindeutsche Partei die Einigung Deutschlands mit preußischer Spitze unter Ausschluß Österreichs ver­langt, im Gegensatz zur großdeutschen Richtung, die sich ein Reich ohne Wien nicht denken konnte und alle Deutschen einen wollte, also Österreich oder doch Teile davon (nötigenfalls auch nichtdeutsche Teile) ins neue Reich aufnehmen wollte. Weil nun die Kleindeutschen für den rein nationalen Staat waren und ihn von aller Verflechtung mit der Groß­40

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