Historische Blaetter 1. (1921)

Harold Steinacker: Geschichtliche Notwendigkeiten deutscher Politik

Fremdwörterei bezeugt es bis heute. Es fehlt unserem Volksgeist mit der Einheitlichkeit auch die Ausgeglichenheit. Darum wirken wir auf andere Völker noch heute zwiespältig und unharmonisch. Sie können uns nicht verstehen. Und weil wir das problematischeste Volk sind, können wir am leichtesten mit einem trügerischen Schein von Richtigkeit ver­kannt und verleumdet werden. Unsere geistige Mannigfaltigkeit und Un­ausgeglichenheit spiegelt sich schon in der weiten Spannung unserer Mundarten. Wir selbst verstehen uns untereinander nicht, Süd und Nord, Ost und West. Wir sind uns als Gesamtheit selbst noch proble­matisch. Und das hat nicht nur geistig, sondern auch politisch un­heilvoll gewirkt. Denn wenn es zunächst die politische Zersplitterung vereitelt hat, daß wir Deutsche in Glauben und Geistesleben eine Ein­heit wurden, wie — annähernd — die Franzosen als Katholiken und die Engländer als Protestanten, so hat dann umgekehrt die geistige und reli­giöse Zerklüftung der Deutschen ihre politische Einigkeit erschwert. Während andere Völker seit Jahrhunderten am Werk der Eroberung und Ausdehnung sind — in der alten Welt und in der neuen — haben wir bis tief ins IQ. Jahrhundert hinein Bruderkriege geführt, haben den Dänen und den Schweden, den Spanier und Franzosen ins Land gerufen, haben englische Subsidien genommen, haben mit unserer Auswanderung an der Größe Amerikas mitgebaut. Gewiß, die Kraft des deutschen Geistes hat uns schließlich trotz des staatlichen Elends unsere klassische Dichtung beschert und die deutsche Romantik. In Schrifttum, Tonkunst und Weltweisheit haben wir uns den führenden Völkern zugesellt, nachdem in Renaissance und Humanismus die Italiener, in der Gegenreformation die Spanier, zur Zeit Ludwigs XIV. und dann der Aufklärung die Franzosen das gesellige, künstlerische und geistige Leben Europas bestimmt und befruchtet hatten. Wir stehen seither gleichwertig da. Aber wenn uns die Zeit, da uns die Nachbarn wohlwollend und herablassend das Volk der Denker und Dichter nannten, als gutes Beispiel hingestellt wird, wenn uns das Deutschland Bismarcks und Hindenburgs als eine Art Abfall vom Geiste Weimars vorgeführt wird, den wir gleichsam zu bereuen und gutzumachen hätten, dann ver­hüllt die wissenschaftliche Wahrheit ihr Haupt. Will wirklich jemand behaupten, daß der Geist Weimars verloren gehen mußte, weil wir nicht mehr in den Zuständen leben, die eine Gestalt wie Karl Eugen von Württemberg, den Landesherrn Schillers, möglich machten? In dem Deutschland, das einen Kleist und einen Friedrich List in Verzweiflung zugrunde gehen ließ? Dem Deutschland der Polizei und der Burschenverfolgung, der Kleinstaaterei, der geistigen 38

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