Historische Blaetter 1. (1921)

Harold Steinacker: Geschichtliche Notwendigkeiten deutscher Politik

beherrschen, als sie der Verfügung über ihre wirtschaftlichen Machtmittel und über ihre geistigen Kräfte für Staatszwecke bedurften. An die Kirche hatten ja im Sinn jener frommen Jahrhunderte Könige und Volk einen großen Teil des Volksbodens verschenkt; und Grundeigentum war be­kanntlich das einzige wirtschaftliche Machtmittel jener noch überwiegend naturalwirtschaftlichen Zeiten. Ebenso konnte nur die Kirche die Staats­männer und Beamten liefern, welche die nötige geistige Schulung be­saßen und die auch weniger als die Laien versucht waren, Amtsgewalt und Amtsgut für die Belange ihres Geschlechtes und ihrer Landschaft auszunützen, statt für die Belange des Reiches. Übrigens lag der Bund zwischen König und Kirche zunächst auch im Interesse der deutschen Kirche, die sonst in den Machtbereich der Herzoge und anderer örtlicher Gewalthaber geraten wäre, wie das zur gleichen Zeit der französischen Kirche geschah. Es handelte sich also zunächst um einen freiwilligen Bund, dessen Dauer gesichert erschien, als seit der Erneuerung des Kaisertums durch Otto den Großen auch Rom und das Papsttum deutschem Einflüsse unterstanden. Und doch, gerade an diesem Punkt mußte die Wendung notgedrungenerweise eintreten. Das Papsttum mußte sich gegen diesen Zustand auflehnen, als die große cluniacensische Reformbewegung die verweltlichte Kirche ihrem eigentlichen Wesen wieder nähergebracht hatte. Es liegt eine gewisse Tragik darin, daß der Sieg der neuen Rich­tung an der Kurie, die Erhebung der römischen Kirche aus tiefstem Verfall, aus einer scheinbar unheilbaren Verknüpfung mit dem skrupel­losen Kampf stadtrömischer Adelsparteien, durch die Hand Heinrichs III. erfolgte, also ein Werk eben des deutschen Königtums war, gegen die sich die reformierte Kirche allsobald wandte und wenden mußte. Aus dem reformierten Papsttum wurde das universale Papsttum. Fragen wir nun, warum dieses Papsttum mit seinem Weltherrschaftsanspruch im Kampf mit dem französischen Nationalstaate Philipps des Schönen scheiterte, vorher aber im Kampfe mit dem deutschen Kaisertum der Staufer einen vollkommenen Sieg errang, so müssen wir sagen, daß dieser Sieg wohl durch die allgemeine Richtung der geistigen Entwicklung ermöglicht ward, daß er aber nie so vollkommen geworden wäre, hätte das Papst­tum sich nicht der Bundesgenossenschaft der deutschen Fürsten erfreut. Mit Normannen und Lombarden wären die deutschen Kaiser fertig geworden; an der inneren Front, in Deutschland selbst, wurden sie besiegt. Im Streit zwischen Kaiser und Papst fällt so den deutschen Fürsten die Rolle des lachenden Dritten zu. Denn aus dem Verfall der Reichs­gewalt geht die Landesherrlichkeit der weltlichen und geistlichen Terri­36

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