Historische Blaetter 1. (1921)
Harold Steinacker: Geschichtliche Notwendigkeiten deutscher Politik
Zwei Höhepunkte hat die deutsche Geschichte: die Zeit der alten und die der neuen Kaiserherrlichkeit. Und sie haben für uns vielleicht eine tiefere Bedeutung, als für andere Völker die Höhepunkte ihrer Geschichte. Auch diese kennt den Wechsel von Aufschwung und Niedergang. Aber die Höhenunterschiede sind nirgends so ungeheuer. In Frankreich haben Nation und Monarchie sich gleichsam gegenseitig geschaffen. Und seit sie ausgebildet waren, hat der nationale Wille zum Ausbau und zur Ausdehnung des Staates nie mehr ausgesetzt. Das Land ließ sich stolz die älteste Tochter der Kirche nennen; aber die Auseinandersetzung zwischen Papsttum und Königtum fand die Geistlichkeit — auf dem Boden des Galiikanismus. Und gegen äußere Feinde war mit wenigen Ausnahmen das Volk stets einig. Frankreich hat Zeiten stolzer Macht mit schlimmen Tagen wechseln sehen; lange war ein großer Teil seiner Marken in englischer Hand; dann drohte ihm in der Umklammerung durch die spanisch-habsburgische Macht der Atem auszugehen; später rief es Bündnisse halb oder ganz Europas wider sich auf den Plan. Aber die äußere Gefahr wurde immer ein Quell innerer Geschlossenheit und Kraft, wie sie sich in höchster Not einmal in der Jungfrau von Orleans verkörperte. Wollen Sie das Geheimnis dieser politischen Willenhaftigkeit wissen? Es ist der national gerichtete geschichtliche Sinn. Ein französischer Literaturhistoriker hat eine „Poetische Geschichte Karls des Großen“ geschrieben, das heißt die Geschichte Karls des Großen in der Poesie, natürlich in der französischen1. Und in der Tat, die dichterisch verklärte Erinnerung an das Reich Karls, der dabei als französischer Herrscher erscheint, war dem Adel und Volk Frankreichs schon im Mittelalter ein genügender Grund, um die Ausdehnungspolitik des französischen Königtums gegen den Rhein unbedingt zu unterstützen2. Bei uns Deutschen ist der politische Wille und der geschichtliche Sinn bis heute nicht so einheitlich geworden. Er ist gespalten geblieben zwischen Stamm und Volk, zwischen der engeren Heimat und dem Reich. Und diese Sonderbrödelei setzt sich unheilvoll fort in der Spaltung zwischen dem, was den Deutschen Partei und Bekenntnis, und dem, was ihnen das Volkstum ist. Im Anprall des Weltkrieges ist dieser politische und geistige Partikularismus unser Verhängnis geworden. Die Übermacht der Feinde und 1 Gaston Paris, Histoire poétique. de Charlemagne, 2. Aufl. 1905. 2 Vgl. A. Schulte, Frankreich und das linke Rheinufer. Fr. Kern, Die Anfänge der französischen Ausdehnungspolitik bis zum Jahre 1308. A. Sorel, L’Europe et la Révolution framjaise, 1. Bd.: Les moeurs politiques et les traditions.