Historische Blaetter 1. (1921)

G. v. Below: Zur Geschichte der deutschen Geschichtswissenschaft

neuen Generation.« Er empfand wirklich die Romantik als das von ihm zu bekämpfende Element. Allein er ist doch als Schüler der echten Romantik aufgekommen, widmete seinen Lehrern Ranke und Savigny seine größte Verehrung. Seine ersten großen Arbeiten zeigen — obwohl er zu eben dieser Zeit im scheinbar schroffen Gegensatz gegen die Romantik stand — den förderlichen Einfluß der romantischen Geschichts­auffassung1. Die Geschichte des ersten Kreuzzugs ist nicht bloß als Muster der Anwendung der Rankeschen Quellenkritik wertvoll; sie steht zugleich im Gegensatz zur rationalistischen Geschichtserklärung, indem sie nach romantischer Art die Kreuzzugsbewegung aus der gewaltigen religiösen Bewegung der Zeit erklärt2. Sybels »Entstehung des deutschen Königtums« führt ihn uns als Jünger der historischen Rechtsschule vor; soweit diese seine Arbeit sich von anderen aus jener stammmenden Studien unterscheidet, liegt das Charakteristische darin, daß er das Moment des Allgemeinen, das die Romantik betont, fast bis zur Zurück­setzung des individuellen Faktors steigert, nahe an die Behauptung einer streng gesetzmäßigen historischen Entwicklung herangeht3. Man könnte insofern diese Darstellung beinahe als ein das Romantische übertreibendes Buch bezeichnen. Sybel hat gewiß auch nie die Vorstellung gehabt, daß er sich von der Grundidee der historischen Rechtsschule entfernt habe. Wie er dann in der praktischen Politik gegen romantische Praktiker und romantische Forderungen oder solche, die er als romantische ansah, kämpfte, wie er gegenüber dem wirklichen oder angeblichen Quietismus das aktive Element darstellte und nachher gerade deshalb am h i s t o r i s c h e n Aufbau Deutschlands, an der »Verwirklichung des Programms der historischen Schule in der deutschen Verfassung« mitgearbeitet hat und der Interpret der Gedanken Bismarcks geworden jst, in dessen Werk sein Ideal verwirklicht sah, wie er schließlich auch wieder eine An­näherung an Ranke vollzog, das zeigt uns den wesentlichen Zusammen­hang Sybels mit dem Kern der romantischen Geschichtsauffassung4. Rückschauend dürfen wir urteilen, daß das Hervortreten jenes Gegensatzes ebenso wie die nachträgliche Vereinigung für die Verwirklichung der ursprünglichen Idee, des nationalen Gedankens notwendig war. Wir haben schon einmal der weit reichenden Gruppe der Germanisten gedacht. Ihre ganze Geschichte, so namentlich auch ihre großen Ver­sammlungen in der Mitte des vorigen Jahrhunderts liefern den lehrreichen 1 Dies zur Berichtigung einiger Bemerkungen bei Bezold S. 397; sieh meinen »Deutschen Staat des Mittelalters«, I, S. 42, A. 3. 3 H. v. Sybel, Geschichte des ersten Kreuzzugs, 2. Aufl„ S. 150 ff. 3 Vgl. darüber meine »Probleme der Wirtschaftsgeschichte«, S. 7f. 4 Näheres siehe in meiner Geschichtschreibung, S. 13 und S. 58 ff.

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