Historische Blaetter 1. (1921)

G. v. Below: Zur Geschichte der deutschen Geschichtswissenschaft

dargestellt gedacht werden kann. Diese Geschichtsauffassung hat den Sieg über Hegels Geschichtsphilosophie davongetragenx: sie erwies sich als die zuverlässigere, kräftigere, dauerhaftere. Ihr Sieg ist aber nicht etwa der Sieg des Empirismus über die Philosophie. Auch sie ist vielmehr von einem philosophischen Zug belebt; sie vereinigt ihn mit solider Einzelforschung. Es ist nur der Sieg über Hegels Spekulation. Es zog dann das unphilosophische Zeitalter, das der Neigung zum reinen Empirismus, herauf, unter dem die romantischen Anschauungen ebenso wie die Philosophie Hegels litten2. Der besonderen Antipathien, die sich gleichzeitig gegen die Romantik bemerkbar machten, haben wir oben schon gedacht. Gleichwohl wurde, wie eben erwähnt, die Romantik jetzt nicht vollständig beseitigt. In den Einzelwissenschaften wurden die romantischen Traditionen von dem Empirismus wohl überwuchert, aber nicht erstickt; die Anschauung, daß die einzelnen Seiten der Kultur eines Volkes Ausprägung seines Geistes seien, erwies sich auch weiter als fruchtbar, wenngleich die rein empiristische Forschung ihre Studien oft mehr oder weniger ziellos trieb. Man spricht davon, daß das philosophisch-romantische Zeitalter durch das des Realismus abgelöst wurde. Daß empiristische Studien durchaus nicht immer realistischer Tendenz entstammen oder realistische Anschauung befördern, davon überzeugen uns viele Werke empiristischer Kleinarbeit, wie sie seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts entstanden sind. Richtig ist es jedoch, daß Realismus und Empirismus vielfach Hand in Hand gingen und daß man von der Ablösung eines philosophischen Zeitalters durch ein realistisches sprechen darf. Sogleich aber müssen wir hier hervor­heben, daß die Wurzeln des geschichtlichen Realismus wesentlich in der Romantik und ihren Ideen liegen *. Wir wollen nur daran erinnern, daß die Gruppe der politischen Historiker bei allem Gegensatz gegen die spezifisch romantische Geschichtschreibung, das heißt insbesondere die Rankes, doch aus ihr hervorgeht. Wenn die politische Geschichtschreibung sich von der spezifisch romantischen dadurch unterscheidet, daß sie den unmittelbaren Einwirkungen und Forderungen des Lebens mehr nachgeht und daß sie von der Betrachtung, der Doktrin zum Handeln fortschreiten will, so sind doch Anknüpfungspunkte für sie überall in der romantischen gegeben. Zum Teil unterscheiden sich die politischen Historiker von Ranke sogar nur dadurch, daß sie ein anderes praktisch-politisches Ideal haben 1 Rothacker, S. 129. 2 Wie der Romantiker Leo seinem Schmerz darüber Ausdruck gibt, darüber siehe meine Geschichtschreibung, S. 68, Anm. 1. * Näheres darüber siehe in meiner Geschichtschreibung, S. 87 ff. Vgl. auch Roth­acker, S. 167 ff.

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