Historische Blaetter 1. (1921)

G. v. Below: Zur Geschichte der deutschen Geschichtswissenschaft

gelten kann. Und jedenfalls hat die wissenchaftliche Romantik, mit der wir uns hier beschäftigen, einen anderen Standpunkt als er1. R. Eucken schildert in seinem Überblick über die Geschichte der or­ganischen Theorie fein (S. 129), wie die (mit der Romantik gegebene) Wendung zu einer geschichtlichen Weltansicht der organischen Lehre zu statten kam. »Die Übertragung dieser Vorstellung auf Staat, Recht, Sprache scheint durchgängig eine reinere und reichere Tatsächlichkeit, ein belebteres Bild vom Ganzen, ein innerlicheres und ruhigeres Ver­hältnis des Menschen zu den Dingen zu ergeben ... Nun kann er die Fülle des geschichtlichen Lebens vollauf schätzen und jedes einzelne an seiner Stelle würdigen.« Dann aber macht er das Bedenken geltend, daß »jene organische Lehre von der politischen und kirchlichen Reaktion, von Männern wie Ad. Müller und De Maistre, dem Vater des modernen Ultramontanismus,... zur Unterdrückung der Selbständigkeit sowohl der Individuen als der lebendigen Gegenwart verwandt wurde.« Gewiß, wir wollen gegen Mißbräuche, unberechtigte Verwendungen guter Lehren auf der Hut sein. Indessen der etwaige Mißbrauch hält uns doch nicht ab, das gute, das jene bieten, anzuerkennen; sie haben nun einmal unsere Erkenntnis gefördert. Jene sind überdies unter den Romantikern nicht die einzigen, die dies Verdienst haben; sie stehen vielmehr im Strom der allgemeinen romantischen Bewegung. In der Fortsetzung des Überblicks über die Geschichte der organischen Theorie, den Eucken gibt, kommt die ununterbrochene Fortdauer der romantischen wissenschaftlichen Arbeit nicht zum Ausdruck, einmal offenbar, weil Eucken davon durch den Gedanken an die kirchliche und politische Haltung Müllers und De Maistres abgelenkt wird, nament­lich aber, weil die Romantik nicht durch Fachphilosophen vertreten war. Wir haben uns indessen im Anschluß an Rothackers Darlegungen schon ausführlich darüber geäußert, daß die romantische Anschauung der Spe­kulation eines Fachphilosophen gleichwertig, wenn nicht gar überlegen war. Es verhält sich doch nicht so, daß es sich hinterher als notwendig erwies, »den Gedanken des Organismus wieder aufzunehmen«, wie dies namentlich Comte getan habe (Eucken S. 131). Die organische Theorie 1 Im übrigen sagt Ziegler, S. 149, in wohltuendem Gegensatz zu Tröltsch: »Der Neuhumanismus und die Romantik sind die Wurzeln dieses geisterfüllten Systems (in Sprachwissenschaft und Geschichte), und sie haben, auch unabhängig von Hegel und bevor seine große Zeit kam, sich angeschickt« usw. Die Verbindung der klassischen Philologie mit der Romantik wird aber nicht bloß, wie Ziegler, S. 154, meint, durch Kreuzer hergestellt. Zu den obigen Bemerkungen und Rothackers Darstellung sei hier der Hinweis auf F. A. Wolfs ganz romantische Erklärung der Entstehung der home­rischen Dichtungen hinzugefügt. Über dessen gutes Verhältnis zu F. Schlegel, über ihre Übereinstimmung vgl. S. Reiter, Euphorion, 23, 2. Heft, S. 226 ff.

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