Historische Blaetter 1. (1921)
Alexander Cartellieri: Deutschland und Frankreich im Jahre 1912 nach einer Umfrage des "Figaro" in Deutschland
mit leidenschaftlichem Eifer auf die Arbeit wirft und seine Erzeugnisse über die gesamte Welt verteilt. Deutschland, das gibt er zu, muß so handeln wegen seiner natürlichen Volksvermehrung. Unter dem starken Eindruck der deutschen finanziellen und wirtschaftlichen Kraft hat er nach seiner Rückkehr nach Paris zwei Franzosen zu Rate gezogen, einen Staatsmann und einen Bankdirektor, deren Sachkenntnis er laut rühmt, die er aber bezeichnenderweise nicht nennt. Dabei zeigt sich gleich mit aller nur wünschenswerten Deutlichkeit, daß es auch damals kaum möglich gewesen wäre, in Frankreich eine ruhige Aussprache über deutschfranzösische Beziehungen in Gang zu bringen. Der Staatsmann stellt als Tatsache hin, daß die Deutschen trotz ihrer ungeheuren Fortschritte finanziell den Franzosen noch nicht gleichgekommen sind, und bestätigt, daß Deutschland während der Krise französische Hilfe weder erbeten noch erhalten, sondern sich allein aus der Verlegenheit gezogen habe. Der Vorteil Frankreichs beruht vielleicht darauf, daß es mehr fremde Wertpapiere besitzt und darum eine Krise leichter durch deren Verkauf überwinden könnte. Je mehr aber Frankreich seine eigenen Bodenschätze ausnutzt, desto mehr braucht es sein Geld im eigenen Lande, und deshalb wird ein Krieg im Laufe der Jahre für Deutschland immer weniger schwierig. Der Bankdirektor fragt als erstes, ob Bourdon sich überzeugt habe, daß die Deutschen ganz friedfertig seien. Er betont, daß ein allgemeiner Krieg eine furchtbare wirtschaftliche und finanzielle Erschütterung zur Folge haben und auch den reichsten Staat stark in Mitleidenschaft ziehen würde. Allein die Vereinigten Staaten könnten dann auf Kosten der europäischen gute Geschäfte machen. Er wünscht dringend, daß die Franzosen so oft als nur möglich Deutschland besuchen und ihre vollkommene Unwissenheit über ihre Nachbarn bekämpfen. Bourdon gibt offen zu, daß, wenn, wie es wörtlich heißt, in einem Anfall verbrecherischen Wahnsinns die beiden Völker aufeinander stießen, man die Schuld und die Verantwortung nicht allein in Deutschland zu suchen hätte. Da springt der Bankdirektor auf und ruft aus: »Sie haben recht, gewißlich recht. Aber das ist eine Wahrheit, die schwer auszuprechen, unmöglich zuzugeben ist. Der Abschnitt endet mit den Worten Bourdons: »Nicht in der Lüge, sondern in der mannhaften Beobachtung der Wahrheit müssen die Völker wie die einzelnen ihre wahre Kraft und die Bedingungen ihres Vertrauens suchen.« Man kann wohl sagen, daß hier der Kern des Buches zu finden ist. Den Franzosen soll, wenn auch unter Anwendung aller Vorsichtsmaßregeln, eine ihrer übertriebenen Selbsteinschätzung unangenehme Wahrheit möglichst sanft beigebracht werden. 149