Historische Blaetter 1. (1921)

Alexander Cartellieri: Deutschland und Frankreich im Jahre 1912 nach einer Umfrage des "Figaro" in Deutschland

heile alle Wunden. Bis dahin nähere sich Frankreich allen Feinden Deutschlands, heute Rußland, morgen England, vielleicht nicht, um es zu bekriegen, sondern um es zu schwächen. Frankreich sei im Augen­blick gleich weit von einem Krieg wie von einem Bündnis mit Deutsch­land entfernt. Voller Lebhaftigkeit deutet der Fürst dann auf die furchtbaren Folgen eines Krieges hin. Deutschland sei friedfertig, desgleichen der Kaiser, und der Reichskanzler von Bethmann-Holiweg unfähig, sich auf Aben­teuer einzulassen: aber das Geheimnis der deutsch-französischen Be­ziehungen liege in den deutsch-englischen. Deutschland kümmere sich mehr um England als um Frankreich und verfolge mit Unruhe seine Umtriebe und seine Rüstungen. Es kommt auch die Geiseltheorie zur Sprache, das heißt, daß bei einem deutsch-englischen Kriege Deutsch­land sich an Frankreich schadlos halten würde. Lichnowsky meint nicht, daß die leitenden deutschen Staatsmänner etwas derartiges planten, er erklärt auch die deutschen Rüstungen, nach denen er noch besonders gefragt wird, aus der Notwendigkeit der Verteidigung, er tut die an­gebliche Kriegspartei mit einem Achselzucken ab: denn es sei Beruf und Pflicht der Offiziere, an den Krieg zu denken. Auf das Schicksal des Reiches hätten sie keinen Einfluß. Er schließt damit, daß ein Krieg für Deutschland nicht notwendig sei und wirklich keinen Zweck hätte. Fürst Hatzfeld, der dann an die Reihe kommt, äußert sich ähnlich wie Lichnowsky. Auch er sieht im französischen Revanchegedanken eine Art nationalen Ideals, das an die Stelle des monarchischen und des religiösen getreten ist. Auch er erwartet viel von der Zeit genau so wie der Fürst Schönaich-Carolath, der durch seine Tätigkeit für die interparlamentarische Union sich bei Bourdon ein günstiges Vor­urteil geschaffen hat. Schönaich-Carolath verabscheut den Krieg und sagt das gleich in eindrucksvollen Worten. Was Elsaß-Lothringen betrifft, so versteht er Frankreich, meint aber, es könnte doch wohl verzichten und sich seiner prächtigen Kolonien freuen, bei deren Erwerbung ihm Deutschland geholfen habe. In dieselbe Gruppe wie die eben genannten drei Herren gehört auch noch der Graf Hans Georg von Oppersdorff, der nach längerem Streite mit seiner eigenen Partei, dem Zentrum, von ihr ausgeschlossen wurde. Da seine französische Mutter mit seinem deutschen Vater immer in glücklicher Ehe gelebt hat, zweifelt er nicht daran, daß auch die beiden Länder sich vertragen könnten, wenn sie nur den guten Willen dazu hätten, und der sei auf deutscher Seite jedenfalls vorhanden. Jede Partei müßte das Verzeichnis ihrer Fehler aufstellen und dann dürfte 141

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