Historische Blaetter 1. (1921)

Alexander Cartellieri: Deutschland und Frankreich im Jahre 1912 nach einer Umfrage des "Figaro" in Deutschland

damit begann, wie er meint, das Unglück für den Besiegten wie für den Sieger. Denn alles, was in der allgemeinen Politik auf die Tagesordnung kam, mußte sich immer wieder der deutsch-französischen Feindschaft unterordnen. Die beiden Länder stehen einander fremd und mißtrauisch gegenüber. Und welche weitreichenden Möglichkeiten sich auch in fernen Erdteilen für gedeihliche Zusammenarbeit bieten mögen, es wird niemals etwas daraus, weil immer der Frankfurter Frieden zwischen sie tritt und ihren guten Willen lähmt. Im Hintergründe lauert dann natürlich der Krieg, und wer an die Furchtbarkeit eines solchen denkt, der muß auf den Gedanken kommen, bei dem mutmaßlichen Feinde Umschau zu halten und ihn auf Herz und Nieren zu prüfen. Wie stellen sich die einzelnen Bevölkerungskreise zu einem Waffengange? Über welche Hilfsmittel, geistige, finanzielle, militärische, würde Deutschland im Ernstfall verfügen? Will es sich bloß verteidigen, oder will es auch an­greifen ? Bourdon sucht sich zunächst im allgemeinen über das Nachbarvolk klar zu werden. Das alte gefühlvolle und träumerische Deutschland ist noch vorhanden: gefühlvoll, aber ohne Einbildungskraft und ohne Leiden­schaft, träumerisch, aber ideallos, dazu harmlos und gutgläubig in allen Dingen, soweit es nicht um den eigenen Vorteil geht. Aber mit diesen überlieferten Zügen vermischen sich andere. Das neue Deutschland hat neue in sich aufgenommen, vor allem eine materialistische Genußsucht. Es wird von der unersättlichen Begierde derer beherrscht, die lange entbehren mußten, und es fragt sich nur, was es heiss erstrebt, von wem es etwas haben will. Bedroht es nicht in erster Linie Frankreich, den Erbfeind? Und wenn das nicht der Fall wäre, hängt dann nicht der Weltfriede von dem deutsch-englischen Gegensatz ab? Lauter tiefernste, schwer zu beantwortende Fragen. Niemand wird glauben, daß sie abschließend in Gesprächen beantwortet werden können, in denen sich der Gefragte aus naheliegenden Gründen doch immer eine große Zurück­haltung auferlegen muß. Sicher wird nicht alles gesagt, sicher wird vieles verschwiegen, sicher manches aus Höflichkeit freundlicher ausgedrückt als es sonst geschehen würde, aber trotzdem möchte man eine solche unmittelbare Umfrage bei denen, die es wissen könnten, nicht unter­schätzen. Schon die Art, wie etwas nicht gesagt wird, ist lehrreich. Man darf nur nicht die Worte pressen wollen und muß sich mit dem all­gemeinen Eindruck der Auskünfte begnügen. Der französische Reisende wendet sich an Politiker, Professoren Militärs, Finanzmänner, Diplomaten, Publizisten, Künstler, Industrielle, luristen und rühmt, daß er bei allen, fast zu seinem Erstaunen, die 135

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