Historische Blaetter 1. (1921)
August Fournier †: Die europäische Politik von 1812 bis zum ersten Pariser Frieden
Vorher, noch im September, hatte ihm nicht nur die dauernde Anerkennung seiner Souveränität durch Österreich und England, sondern auch die durch England vermittelte Verzichtleistung des verdrängten Bourbonenkönigs auf Neapel für seine Neutralität in Aussicht gestanden. Da war es aber schon zu spät gewesen. Jetzt, nach dem Zusammenbruch der napoleonischen Armee, verhielt sich England viel reservierter, und Murat konnte, wenn er sich sein Land retten wollte, bloß noch mit einiger Sicherheit auf Österreich rechnen. Und auch nur dann, wenn er sich zu aktiver Teilnahme an der Seite der Verbündeten verstand. Von peinvoller Angst um sein Herrschertum erfüllt, von dem Vormarsch der Österreicher in Italien und der Alliierten in Frankreich zur Entscheidung gedrängt, schloß Joachim am 11. Jänner 1814 einen Allianzvertrag mit der Donaumacht ab. Sie gewährleistet ihm für seine Mitwirkung am Krieg gegen Napoleon mit 30.000 Mann den Thron von Neapel und wird sich dafür verwenden, daß er für seinen Verzicht auf Sizilien römisches Staatsgebiet mit 400.000 Einwohnern erhält. Österreich will auch einen Friedensschluß Murats mit England und gutes Einvernehmen zwischen ihm und den andern Alliierten vermitteln. Ursprünglich hatte sich Metternich sogar verpflichtet, den Bourbon von Sizilien zum Verzicht auf Neapel »allenfalls mit Gewalt« zu bewegen; doch diese Bedingung ward auf Englands Einwendung dagegen gestrichen1. »Alle Verbündeten Österreichs zur Zeit als es diese Verpflichtungen einging, haben dieselben gekannt und gebilligt«, schrieb Gentz später in einer seiner Denkschriften vom Wiener Kongreß, und das war wohl richtig. Dagegen schrieb derselbe Gentz schon am 11. Februar 1814: bei den Beratungen der verbündeten Minister im Hauptquartier seien die Stimmen sehr geteilt gewesen und Murat würde wie alle andern Verwandten Napoleons geopfert worden sein, »wenn ihn nicht Österreich und vielleicht (insgeheim) England geschützt hätten, bevor es zu spät 1 Siehe den Vertrag bei Neumann, Recueil des traités, II. 403ff. Das Original der später kassierten Ausfertigung vom 8. Jänner befindet sich im Wiener Staatsarchiv. Darin war in der Einleitung noch auf die von den Mächten in Frankfurt Napoleon in Aussicht gestellten »natürlichen Grenzen« Bezug genommen, außerdem gab es noch einen 6. Geheimartikel: »Um dem König von Neapel einen neuen Beweis seiner Freundschaft und seines Interesses zu geben«, werde der Kaiser dem Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen seine Souveränität und den Vollgenuß seiner Staaten garantieren und auch seine Verbündeten dazu veranlassen; und einen 7.: Die militärische Linie für die neapolitanische Armee solle auf dem rechten Ufer des unteren Po der Po di Primaro bis zu dessen Mündung ins Meer sein. Beide Artikel wurden, wie jene Stelle der Einleitung, gestrichen. Auch eine von dem neapolitanischen Minister Gallo Unterzeichnete, bei Neumann abgedruckte Feststellung, Kaiser Franz habe sich allenfalls zu Gewaltmaßregeln bereit erklärt, um vom König von Sizilien den Verzicht auf Neapel zu erreichen, blieb in der Ausfertigung fort. Über die Verhandlung in Neapel vergleiche man auch Pasquier, Mémoires, II. 137.