Historische Blaetter 1. (1921)
August Fournier †: Die europäische Politik von 1812 bis zum ersten Pariser Frieden
und als Geldgeber für die Kontinentalmächte im Befreiungskrieg konnte sich England nunmehr jede Diskussion der Seerechte ebenso rücksichtslos verbitten, wie sie sie rücksichtslos gehandhabt hatte. Und was in Prag gegolten hatte, sollte auch für den in Frankfurt geplanten Friedenskongreß gelten. Auch nur die Erwähnung von Frankreichs Handelsfreiheit, die von Britannien durch zwanzig Jahre unablässig bedrängt worden war, während sich die Neutralen seiner Seetyrannei vergeblich widersetzt hatten, wurde nicht geduldet und Lord Aberdeen hatte sein Versehen ehestens gut zu machen. Dazu kam noch ein anderes. England wünschte von den erbeuteten holländischen Kolonien die schönsten und reichsten, das Kapland und Ceylon, zu behalten. Nun war es aber Mitte November in Amsterdam zu einem Aufstand gegen das napoleonische Frankreich gekommen, der sich bald über das ganze Land verbreitete; der seinerzeit von der Revolution vertriebene Oranier kehrte als Prince souverain der Generalstaaten nach dem Haag zurück und vollzog Hollands Anschluß an die Koalition. Nun konnte England dem neuen Verbündeten schwer seine Kolonien vorenthalten, ohne ihn dafür zu entschädigen. Und da eine solche Entschädigung, für die England nicht die Kosten aufzubringen brauchte, nur nach Süden hin,in dem benachbarten Belgien, zu Gebote stand,das Österreich nicht mehr zurücknehmen wollte, Belgien aber innerhalb der natürlichen Grenze des Rheins lag, so sprach sich das torystische Kabinett Liverpool sehr bestimmtauch gegen diese Bedingung der Frankfurter Friedensvorschläge aus und beauftragte Lord Aberdeen, hierüber wie über die Frage der Handelsfreiheit und der Abgrenzung Hollands gegen Frankreich von Metternich bindende Erklärungen zu fordern. Das geschah in einer Note, die der Engländer, nachdem das Hauptquartier nach Freiburg i. B. gelangt war, unterm 21. Dezember an den österreichischen Minister richtete, der sie vier Tage später (am 25.) beantwortete1. Metternich sah nun ein, daß erden Gedanken,Napoleon 117 1 ln seiner ersten Antwort vom 13. November auf Aberdeens Berichte vom 8. u. 9. schreibt Castlereagh: Die Waalgrenze (südl. Mündung) des Rheins reduziere Holland, »das England zu befreien strebe«, zur Nichtigkeit, raube ihm seine besten Verteidigungsplätze und gebe Antwerpen in Feindeshand; und nach der Befreiung der Niederlande, am 7. Dezember: Jede maritime Frage sei für England ein noli me tangere und der Minister könne es dem Gesandten nicht verhehlen, wie unangenehm die Durchsicht von Saint-Aignans Memorial die Regierung berühre. (Castleragh, Letters and despatches, IX. 73 u. 89.) Inzwischen war aber Aberdeen bereits mit sich selbst zu zu Rate gegangen, hatte Metternich am 27. November in einem offiziellen Schreiben erinnert, daß er nach Vorlesung des Konzeptes St. Aignans protestiert und mündlich erklärt habe, England werde nicht von seinen Grundsätzen abgehen, worauf er von Metternich beruhigt worden sei. Am 4. Dezember hatte er nach London berichtet, man habe für angemessen gehalten, in der Proklamation an die Franzosen die natürlichen Grenzen »infolge der günstigen Wendung in Holland« nicht mehr zu erwähnen. (Oncken, Aus den letzten Monaten von 1813, S. 38.) Das genügte aber in London nicht, und Aberdeen mußte von Metternich eine formelle Befriedigung der englischen Forderungen verlangen. Vgl. meinen »Kongreß von Chätillon«, S. 98, Anm.