Historische Blaetter 1. (1921)
August Fournier †: Die europäische Politik von 1812 bis zum ersten Pariser Frieden
wie Sachsen selbst, wenn dessen König an Napoleon festhielt und für ihn kämpfte wie bisher, und konnte nach Eroberungsrecht vom Sieger beansprucht werden. Friedrich August, der König von Sachsen, hatte im Sommer 1812 Rußlands Feindschaft dadurch auf sich gezogen, daß er der polnischen Qeneral-Konföderation beigetreten war, um, wenn es zur Wiederaufrichtung des alten Königreichs kam, dessen Krone für sich zu gewinnen1. Friedrich Wilhelm III. verständigte alsbald durch seinen Gesandten Wilhelm v. Humboldt den Wiener Hof vom Abschluß des Vertrags1 2 * * 5. In Wien dürfte man zunächst befriedigt gewesen sein, daß die beiden Nachbarn den Krieg wider Napoleon weiterführten, der dadurch im Norden lokalisiert blieb, während Österreich seine Rüstungen ungestört fortsetzen konnte, um später die Rolle des bewaffneten Friedensvermittlers zu spielen, eine Rolle, die ihm durch den vereinten Widerstand, den der Franzosenkaiser an jenen fand, nur erleichtert wurde. Bloß daß Preußen seine polnischen Forderungen aufgegeben haben sollte, machte Metternich Sorge. Denn Rußland durch Warschau, Preußen allenfalls durch Sachsen verstärkt zu sehen, war mehr, als Österreich nach den Grundsätzen der Politik des Gleichgewichts der Mächte fügsam hinnehmen konnte. Wir finden denn auch Metternich gleich in den nächsten Wochen auf einen Gegenzug bedacht. Er will König Friedrich August zu einem Neutralitätsvertrag bestimmen, durch den sowohl Sachsen als auch das polnische Herzogtum dem Machtkreis Napoleons, zugleich aber auch den Eroberungsabsichten der Breslauer Verbündeten entrückt wurde, und der Vertrag kam zustande. Am 20. April 1813 garantierte Österreich dem Sachsenkönig seine »Erblande« (d. i. Sachsen), während dieser, gleich der Donaumacht, in einem Krieg gegen Frankreich neutral zu bleiben versprach. Auf das Herzogtum Warschau erstreckte sich die Garantie Franz I. nicht, denn es entsprach der österreichischen Politik, 103 1 Vgl. U 11 m a n n, Befreiungskriege, I. 2S7 mit der plausiblen Folgerung, daß Alexanders Abneigung gegen den Sachsenkönig in dessen Rivalität in Polen wurzelte, da die Qeneral-Konföderation auf »die Insurgierung des russischen Polens* abzielte. So Metternich an Hudelist, 6. Juli 1812. W. St. A. 5 Ob auch der Inhalt der Geheimartikel mitgeteilt wurde, geht aus Metternichs Antwort an Humboldt (Oncken, I. 429) nicht hervor. Gentz, der in seiner Berichterstattung an den Fürsten Karadja der Walachei dem Vertrag vom 26. Februar eine ganze Depesche (v. 23. März 1813) widmete, sagte darin, er habe eine authentische Kopie davon vor sich gehabt, und teilte vom Inhalt unter anderem folgendes mit: »Die Provinzen, die zur Restitution Preußens in seinen alten Verhältnissen (proportions) verwendet werden sollen, sind nicht im besondern bezeichnet, doch ist im allgemeinen festgesetzt, daß die eroberten Länder vor allem (préférablement ä tout) dazu dienen sollen, die preußische Monarchie wieder herzustellen und abzurunden (ä rétablir et arrondir).« Nun ist von Abrundung nur im Geheimartikel die Rede. (Handschriftliches Konzept des Gentzschen Briefes.)