Pester Lloyd-Kalender 1861 (Pest, 1861)

Pester Lloyd-Kalender für das Jahr 1861. - Geschichte des Jahres

Geschichte des Jahres. 77 schlossen, mit der Escadre, auf der sie sich an der Nordküste Sardinien's befanden, nach dem römi­schen Gestade abzusegeln. Dem, nöthigenfalls mit Gewalt vorzubeugen, hatte Minister Fartni sie schon von Genua' ans durch zwei sardinische Fregatten escortiren lassen und war in Person nach dieser Hafenstadt geeilt, um den dortigen Agenten des Dictator's, Dr. Bertani, zu bestimmen, die Bur­schen zur Raison zu bringen. Da erschien am 16. der Dictator an Bord der an der sardinischen Küste ankernden Escadre. und gutwillig ließen sich die Mannschaften von ihm nach Palermo dirigiren: als aber, nach Garibaldid sofortiger Entfernung aus der Hauptstadt, die Division Piancini's mtf'0 neue meuterte, löste Depretis sie auf und schickte ihren Commandanten nach Hause. Kaum war der maz- zinistische Handstreich parirt, als auch schon am 19. und 20., nord- und südwärts von Reggio, Ga­ribaldi bei Bagnara und Cosenz bei Melito mit dem Gros der Truppen landeten. Ihrem verein­ten Angriffe erlag am 22. Reggio, bei welcher Erstürmung die Königlichen 500 Mann und 400 Gefangene verloren, da die Nationalgarde der Stadt sie im Rücken attakirte, während sie auf den Feind feuerten. Am 23. kapitulirte die Ci- tadelle von Reggio: das Scharmützel um Reggio war der letzte Kampf, den die neapolitanische Ar­mee für den Thron ihres Kriegsherrn bestand. In Neapel selber hatte der König schon am 13. August den Grasen von Aquila mit Gewalt aus Stadt und Land geschafft, um wenigstens den Rü­cken frei zu habcn: und da der „Veloce" in der folgenden Nacht so kcck war, in dem Vorhafen Neapels, in Castcllamare, eine Attaké auf das da­selbst liegende Linienschiff „Monarca" zu wagen, der freilich mißlang, wurde am 14. abermals der Belagerungszustand verkündet, welchen der neue Platzkommandant, General Cutrofiano mit aller Energie handhaben zu wollen schien. Er unter­drückte die Journale, löste die Klubs auf, vertagte die Wahlen, drohte den Chefs der Nationalgarde mit Erschießen: allein er konnte dadurch doch nicht ver­hüten, daß der Graf von Syracus sich offen für Piemont erklärte und nach Turin abreiste; daß der Marschall Nunziante das Gleiche that und dann an Bord eines sardinischen Schiffes insgeheim zn- rückkehrte, um die Jägerbataillone zum Abfall zu verleiten; daß bewaffnete und unbewaffnete Pie- montesen auf den Quai's ausgesetzt wurden, um den Neapolitanern nöthigenfalls beim Barikadenbau zu helfen. Cutrofiano'S Strenge konnte tun so weniger nützen, als die Minister — namentlich Liborio Romano, der seit dem 27. Juni die Po­lizeipräfektur der Hauptstadt verwaltet, nach dem 10. Juli aber das Portefeuille des Innern über­nommen hatte — der Ansicht waren, daß diese Repressivmaßregeln die Bevölkerung nur reizten, ohne sie einzuschüchtern und daher zu wiederholten Malen die Absetzung Cutrofiano's beantragten. — Schlag auf Schlag fielen nun in dies Chaos die Schreckensnachrichten aus den Provinzen und vom Kriegsschauplätze. Der Reihe nach erhoben sich Potenza, Lecce, Bari, Foggia und setzten proviso­rische Regierungen ein, an deren Spitze auch die früheren Intendanten standen. Dadurch und gleich­zeitig durch die Uebergabe des Küstenforts Pizzo im Rücken bedroht, gingen die, in dem großen La­ger bei Monteleone am Golfe von Eufemia cvn- centrirten Corps, welche auf der einzigen, nach Neapel führenden Heerstraße den ersten Anprall des Feindes aushalten sollten, einfach auseinander. Die Brigaden der Generale Melandez und Bri- ganti, der hintendrein von seinen eigenen Solda­ten niedergeschossen und in Stücke gerissen ward, kapitulirten, von allen Seiten umzingelt auf dem Plateau von Prale; General Bial legte sich zu Bette und ließ seine Leute auf eigene Faust mit dem Dictator unterhandeln. Während der Lärm des Aufruhrs aus Avellino und Benevent schon bis an die Thore der Kapitale herüber schallte, sollte der Versuch des Widerstandes, der bei Monteleone so kläglich gescheitert war, bei Salerno wiederholt werden. Aber auch hier gingen Revolution und Verrath Garibaldi voran, so daß dieser keinen Schuß mehr zu thun brauchte, als er dort anlangte. Die ©eenen in Monteleone erneuerten sich in ko­lossalem Maßstabe: die Brigade Caldarelli erklärte sich für einen Waffenstillstand; die Maschinisten weigerten sich die Dampfer zu Heizen, die im Golfe von Salerno gegen die Insurgenten kreuzen soll­ten; die Officiere der Marine begehrten ohne Aus­nahme, d i e der Landmacht zu Hunderten ihren Abschied: selbst Bosco zählte zu den letzteren. Es blieb dem Könige nichts übrig, als am 6. Sep­tember Abends zu Wasser nach Gaeta zu gehen, wohin ihm die wenigen treuen Truppen zu Lande folgten: am nächsten Tage früh hielt Garibaldi allein seinen Einzug in Neapel, da Liborio Ro­mano ihn dringend ersucht hatte, seine Ankunft Behufs Erhaltung der Ordnung zu beschleunigen. Noch hat der König in dem Augenblicke, wo wir dies schreiben (letztes Drittel des September), Gaeta nicht verlassen: und schon ist nicht nur der Kriegs­schauplatz aus dem Süden der Halbinsel nach dem Kirchenstaate verlegt worden — nein, es hat auch bereits der Feldzug der P i e m 0 n t e s e n ge­gen L a m 0 r i c i 6 r e mit der Vernichtung der päpstlichen Fremdenregimenter seinen Abschluß ge­sunden. Wollte Victor Emmanuel sich nicht — sei cs von Garibaldi; sei es, was in den Be­sitzungen des heiligen Stuhles mehr zu befürchten stand, von Mazzini — die Leitung der National­erhebung gänzlich entwinden sehen: so durfte er keine Zeit verlieren und mußte, Pius IX. ge-

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