Pester Lloyd-Kalender 1861 (Pest, 1861)

Pester Lloyd-Kalender für das Jahr 1861. - Geschichte des Jahres

Geschichte des Jahres. 73 Sicilianer zu bewegen, ihre Sache von derjenigen der Eindringlinge zu trennen, vollends nicht die al- lermindcste Wirkung. So blieb denn nur die Ent­scheidung durch die Waffen zwischen Garibaldi, dessen Lagerfeuer die Palermitaner seit dem 20. allabendlich von den Zinnen ihrer Stadt ans auf den Höhen des nahegelegenen Monreale erglänzen sahen, und Lanza, der immer noch 28,000 Mann zu seiner Verfügung unb außerdem ans der im Hafen ankernden Flotte schweres Geschütz genug hatte, um die Capitale Si- ciliens in Grund nnd Boden zu schießen, wenn er sie nicht mehr zu vertheidigen vermochte. Den 24. und 25. benutzte Garibaldi, um durch ein Scheinmanö­ver die Uebermacht des Feindes für den bevorstehen­den Entscheidungskampf zu schwächen. Ein Theil der Insurgenten mußte nämlich den Rückzug südostwärts aus Corleone anheim. Während nun die Neapoli­taner sich von den vermeintlich Fliehenden bis nach letzterem Orte hinlocken ließen, wo sie von der gut bedienten Artillerie der Garibaldianer mit wohlge­zielten Salven empfangen wurden, erschien Gari­baldi mit dem Gros seines Heeres am 27. Mai um 4 Uhr früh vor den Thoren Palermo's. Die ersten Posten wurden mit dem Bajonett geworfen; und da nun alsbald der Ausstand unter dem Geheule der Sturmglocken durch alle Straßen raste, war Gari­baldi um 6y2 Uhr über die von den Königlichen aufgeworfenen Barrikaden bis in den Mittelpunkt Palermo's vorgedrungen. Vergeblich waren die An­strengungen der von Corleone zurückgekehrten Trup­pen, dem Tage eine andere Wendung zu geben; um­sonst auch war die gräßliche Beschießung der, in den Händen der Insurgenten befindlichen Stadttheile von den Forts und der Flotte aus. Die 3000 Bomben, die Lanza werfen ließ, steckten freilich 60 Häuser in Brand, unter deren Schutt 600 Menschen begraben wurden; sie vernichteten das Palais Carini, das Kloster Santa Catharina, den Palast Pantellaria, in dessen weiten Räumen die ungeheueren Vorräthe vieler Schweizer Handelshäuser lagerten ; sie stifteten einen Schaden, der aus mehr als 100 Mill. Gulden Silber berechnet ward: aber den Vertheidigern der Stadt nützten all diese Gräuel der Verwüstung gar nichts. Garibaldi blieb im Centrum Palermo's in einer Stellung, welche die im Süden im Palazzo reale postirten Neapolitaner von denen im Norden in den Forts und von den Schiffen trennte und somit Lanza in die Nothwendigkeit versetzte, einen Waffenstillstand zu erbitten, wenn er nicht Gefahr lausen wollte, seine Leute vom Hafen abgeschnitten und einzeln aufge­rieben zu sehen. Am 31. Mai ward denn wirklich am Bord des englischen Kriegsschiffes „Hannibál" von dem neapolitanischen General Letizia und Gari­baldi eine Capitulation unterzeichnet, kraft deren Beide ihre Stellungen Leibehalten sollten, bis Lanza in Neapel den Befehl des Königs zur Räumung von Palermo erwirkt haben werde. Es gelang indeß erst wiederholten dringenden Vorstellungen, den Monar­chen zur Natificirung dieser Nebereinkunst zu bewe­gen r und auch nachdem das geschehen war nnd die Neapolitaner die Stadt verlassen hatten, lagerten sie noch bis zum 19. Juni vor den Thoren derselben am Fuße des Monte Pellegrino. An jenem Tage ging endlich die Einschiffung der letzten Soldaten nach Messina hin vor sich: und da mittlerweile die Re­volution sich über das gesammte flache Land ver­breitet hatte, konnte Garibaldi sich von jetzt ab mit Recht als Herrn der ganzen Insel betrachten, mit alleiniger Ausnahme der Ostküste, wo den Königli­chen die Forts von Agosta, Siracosa, Catania, insbesondere aber Messina mit seinen starken Wer­ken und mit den Engpässen der, mehrere Meilen weiter westlich davon sich hinziehenden Gebirgskette, noch als feste Stützpunkte dienten. Franz II., der sich die Herrschaft über Si- cilien entschlüpfen fühlte und in dem sich nachge­rade auch bereits Besorgnisse wegen der Terrafirma regen mochten, rief jetzt durch den Marquis de 1a Greca, der zu dem Behufe nach Paris und London ging, in aller Form die Intervention der West­mächte an: allein England wollte von keiner Ein­mischung etwas hören; nnd Napoleon erlheilteeine ausweichende Antwort, indem er seine Reform-Mah­nungen wiederholte, auch zur Aussöhnung mit Pie­mont rieth. Schweren Herzens entschloß der Hof von Neapel sich endlich nachzugeben. Am 27. Juni wurde ein liberales Kabinet eingesetzt, an dessen Spitze der Marquis Spinelli und de Martina stan­den, eine Amnestie verkündet, eine Verfassung und Abschluß einer Allianz mit Victor Emmanuel ver­heißen. Leider jedoch zeigte sich sofort, wie die Regierung zu sehr mit dem alten Systeme verwach­sen war, als daß sie auf einen andern Weg noch hätte einlenken können, ohne damit zugleich ihre ganze Autorität zu verlieren und der Auflösung nach allen Seiten hin Thür und Thor zu öffnen. Noch am 27. Abends wurde der französische Ge­sandte, Baron Brennier, von Lazzaroni's unter dem Rufe: „es lebe der absolute König!" mißhandelt; am nächsten Tage plünderte zur Revanche der frei­sinnige Pöbel die Polizeikommiffariatc und ermor­dete zahlreiche Sbirren — eine wüste Blut- und Zerstörungsscene, die mit dem Einschreiten des Mi­litärs und der Verhängung des Belagerungszustandes abschloß. Letzterer mußte alsbald wieder revocirt werden; und gleichzeitig ward die Verfassung von 1848 einfach wiederhergestellt: so völlig willenlos ward das Ministerium bereits von der Reaction und von der Revolution in rastlosem Wechsel hin- und hergezerrt. Während der Hof aus seinem Wi­derwillen gegen die neuen Zustände kaum einen Hehl machte; während Franz II sich durch alle Mittel der Garde und der Fremdenregimenter zu versichern trachtete, die Nationalgarde dagegen jo

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