Pester Lloyd-Kalender 1860 (Pest, 1860)

Pester Lloyd-Kalender für das Schalt-Jahr 1860 - Geschichte des Jahres

126 Geschichte des Jahres. Deutschlands identisch seien, gebühre die Oberleitung ohne jede Einschränkung oder Verantwortlichkeit", das war das letzte Wort des Herrn von Schleinitz, der noch am 6. Juli in einer Cirkulardepesche er­klärte „ein Bnndeskriegsfall liege nicht vor, Preu­ßen aber könne sich in seiner Aktion keineswegs an die Bestimmungen der Bundesakte binden." Dazu kam ein Jntriguenspiel, das Graf Persigny in Lon­don aufführte und durch das Louis Napoleon in Stand gesetzt ward, Kaiser Franz Joseph gegenüber mit einem leisen Anffuge von Wahrheit zu behaupten, die drei vermittelnden Mächte hätten sich über ein Mediationsprojekt geeinigt, dem zufolge Oesterreich dem ganzen lombardo - venetianischeu Königreiche entsagen solle. Lord Palmerston scheint, aus Anlaß seiner bekannten Sym- und Antipathien, bei diesem Taschenspielerstreiche hilfreiche Hand geleistet zu ha­ben, ohne indeß eine Ahnung davon zu haben, zu welchem Zwecke Napoleon den angeblichen Vermitt­lungsentwurf benutzen wollte: und während er so selber der Dupe Persigny's war, stand er diesem bei, Russell zu dupiren, der auf Grund seiner national­liberalen Regungen leicht zu bewegen war, den Zet­tel mit dem sogenannten Mediationsprojekte der neutralen Machte, den der französische Gesandte sel­ber ihm zugesteckt als er eben in eine Konseilssitzung gehen wollte, nach der Session dem Grafen unter Aeußerungen zurückzugeben, die man mit einem weiten Gewissen etwa so deuten konnte, als seien dies die zwischen England, Preußen und Rußland vereinbarten Basen, auf denen sie den Frieden dik- tiren wollten. In diesem Sinne berichtete Persigny an Napoleon; in diesem Sinne scheint dem Kaiser Franz Joseph die Sachlage vorgestellt worden zu sein — denn in dem Tagesbefehl, der dem Heere den Friedensschluß anzeigte, heißt es mit dürren Worten: „Oesterreich's alte Bundesgenossen hätten demselben schlimmere Bedingungen geboten, als seine Feinde." Preußen's, England's, Rußland's De- menti's, welche der Reihe nach den ganzen „Vermitt­lungsentwurf" als eine arge Mystifikation denun- ciirten, haben ohne Zweifel bewiesen, daß dem nicht ganz genau so war. Kann man aber dem Grafen Rechberg Unrecht geben, wenn er den Schleinitz'schen Vorhaltungen entgegnete, es werde dadurch im Grunde nichts geändert? Kann man leugnen, daß Oesterreich sich positiv darauf gefaßt machen mußte, es werde auch für die Vertheidigung des Venetia- nischen ausschließlich auf seine eigenen Kräfte ange­wiesen sein, wenn man sich erinnert, daß Lord Rus­sell es am 8. Juli noch für übereilt hielt, die Grund­züge einer gemeinsamen Intervention aufzusetzen; daß Fürst Gortschakoff die preußische Note, die ihn eben dazu aufforderte, mit leeren Redensarten beant­wortete ; daß Baron Schleinitz selber in dem an England und Rußland gerichteten Begehren gleich­falls nicht im entferntesten daran gedacht hat, Vor­schläge in dieser Beziehung zu machen? Es ist daher ganz gewiß, daß das angebliche Mediationsprojekt, das Oesterreich den Verlust Venetiens zumuthete, nicht existirt. Nicht minder gewiß aber ist es eine völlig hohle Floskel, wenn die „Preuß. Ztg." be­hauptete „was Preußen angestrebt habe, sei Oester­reich viel günstiger gewesen, als die Präliminarien von Villafranca" — denn nehmer wir den Ausdruck „a n st r eben" im praktischen und nicht im meta­physischen Sinne, verbinden wir damit den Begriff der Thätigkeit und nicht blos der frommen Wünsche; so hat Preußen während der ganzen Verwicklung gar nichts angestrebt, als Oesterreich's Verlegenhei­ten auszubeuten, um ihm die Hegemonie tu Deutsch­land zu entwinden. Daher sprach denn auch das Laxenburger Manifest Franz Joseph's „an seine Völker", das vom 15. Juli datirt und dem Lande Reformen verheißt, abermals die „bittere Enttäuschung" Sr. Maj. aus „allein gestanden zu haben in einem Kampfe, der nicht blos Oesterreich's gutem Rechte gegolten." Seitdem indeß am 21. Juli durch Bundesbeschluß die allgemeine Demobilisirung dekretirt war, schliefen diese Recriminationen zwischen den beiden Großmächten allmälig ein. Oesterreich konnte ungestört an die Verwirklichung der verspro­chenen Neuerungen gehen, deren Vorspiel die in der zweiten Hälfte des August erfolgende Umgestaltung des Ministeriums bildete und als deren erste Früchte wir das Protestantengesetz für Ungarn und desse nehe- malige Nebenländer v. 1. Sept., die Einberufung von Vertrauensmännern zur Berathung der Gemeinde­ordnung, die Einsetzung einer Jmmediatkommission zur Revision der indirekten Steuern zu betrachten sind. Graf Goluchowsky, der an die Stelle des mit dem Botschafterposten in Rom betrauten Freiherrn von Bach getreten ist, scheint überdies eine Lockerung der starren Zentralisation anbahnen; Baron Hübner, der als Polizeiminifter den Freiherrn von Kempen ersetzt, manche der die Presse so hart drückenden Uebelsiände beseitigen zu wollen. Zugleich ist durch die Ernennung des Grafen von Rechberg zum Mi­nisterpräsidenten eine größere Einheit der Verwal­tung und der Politik wiederhergestellt worden: er­wähnt mag endlich noch werden, daß das Handels­ministerium bei dieser Modifikation des Kabinets aufgelöst wurde. Was Deutschland anbelangt, so ist Oesterreich hier vor der Hand nur damit beschäftigt, die Bestrebungen der Gothaer und Demokraten nie­derzuhalten, welche mit seltener Uebereinstimmung allenthalben die Devise: „Gründung einer Central- ■ gewalt für militärische und diplomatische Angelegen­heiten zur Sicherung der Einheit; Gründung eines deutschen Parlamentes zur Wahrung der Freiheit" auf ihre Fahnen geschrieben haben. So lange der Krieg dauerte, ließen viele deutschen Fürsten, auch außerhalb Preußen's, dem natürlich die „Central­gewalt" in den Schoß fallen würde, der Bewegung

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