Der Pesther Stadt- und Landbothe für das Königreich Ungarn 1836 (Pesth)
Der Pesther Stadt- und Landbothe für das Königreich Ungarn 1836. - Manningfaltigkeiten
22 In ansteckenden Viehseuchen, namentlich in der Rinderpest oder Löserdürre, hat der Landmann ein herrliches Mittel Im Chlorkalk, dem Umsichgreifen der Seuche Einhalt zu thun. Es wird ein Pfund Chlorkalk in einem Eimer Wasser aufgelöst und jede Krippe gewaschen, jeder Winkel des ^Stalles damit ausgespriyt; die Wände werden auf gleiche Weise gewaschen. Die Thiere selbst werden mit einem Strohwisch oder einem Lappen, den man eingetaucht hat, abgewaschcn, was alle 3 bis 4 Tage geschehen kann. Kranke Tl irre werden auch noch häufig gerettet, und gesunde vor der Krankheit bewahrt. Nicht blos bei der Rinderpest aber ist so zu verfahren. Auch bei dem Rohe der Pferde, welcher ' ebenfalls sich gern mittheilt, wenn Krippe und Stall verunreinigt ist, kann man gleiche Vvrthcile hirvvn erwarten. In Schafsiällcn zum Verbände der an Klauenseuche leidenden Schafe, ist das Mittel nicht minder zu empfehlen. Zum Verbinden laßt man das Wasser, worin der Chlorkalk aufgelös't war, einige Stunden, etwa 8 bis 12 Stunden, im Eimer stehen, daß sich der Kalk seht und das klare Wasser oben ist. Alle Geschwüre bei Thieren, welche mit solchem Wasser täglich zweimal ausgepinselt werden, verlieren nicht nur den üblen Geruch, sondern schreiten auch schnell zur Heilung. Daß Ställe, worin krankes, verdächtiges Vieh gestanden har, der Vorsicht wegen stets auf die angegebene Art gereinigt werden sollen, bedarf wohl kaum einer Bemerkung. Ein guter Landwirch sollte nie den Chlorkalk ausgchen lassen. Ein Pfund für 18 bis 24 Kreuzer kann ihm viele Gulden ersparen, die er sonst dem Thierarzt und Apotheker geben mußte, ohne doch Hilfe zu bekommen , weil er sie zu spät suchte. Die Art, wie man den Chlorkalk aufhebt, ist leicht. Man thut ihn in eine steinerne Büchse, die einen gut passenden Deckel hat, und verbindet sie dreifach fest mit Pa- pier, worauf man sie an einem trockenen kalten Orte aufbewahrt, an welchem man nicht schläft noch wohnt, weil sich doch immer einige Chlordünste vom Kalke lvsreißen und das stete Einathmen derselbe» bei schwacher Lunge Gelegenheit zu Husten geben könnte. Auf jeden Fall muß man den Chlorkalk möglichst gut vor dem Zutritt der Luft verschließen, weil er sonst durch Verlust an Chlor mit der Zeit seine Wirksamkeit verliert. Noch viel häufiger wird aber vom Bürger und Landmann Gebrauch von ihm bei Krankheiten des Menschen gemacht werden können. Giebt es ansteckende Krankheiten, wie Nervenficber, Ruhr und dergleichen, so ist gar keine Frage, daß die Gesunden, die dem Kranken oft nahe kom- men und um ihn bleiben müssen, am gesichersten sind, wenn die. Krankenzimmer mit seinem Dunste von ihm geschwängert werden. Die Anwcndungsart ist keicht und einfach, auch fpvttwohlscil. Zwei bis drei Loth Chlorkalk werden in ein Näpfchen gethan und darauf cire Halbe Wasser gegossen. Eine in diese, das andere in jene Ecke des Krankenzimmers oder eines unter das Krankenbett gestellt, ist schon hinreichend , die Lust za reinigen und alle jene Stoffe zu zerstören, welche de» Krankhcitskein. weiter tragen. Alle zwei oder drei Tage wird der Chlorkalk und das Wasser erneuert; alle Tage rührt man ein oder zwei Mahl die Flüßigkeit um. In Krankenzimmern entwickelt sich nach und nach ein häßlicher Dunst, wenn zumal die Jahrszeit nicht fleißiges Oeffyen der Fenster und Thüren gestatten Diesem laßt sich aus dieselbe Weise begegnen. Indessen bei lang anhaltenden Krankheiten könnte vielleicht der Chlorkalk auf solche Art seine Dünste schnell und in großer Menge dergestalt absetzen, daß sich der Kranke oder seine Umgebungen davon beschwert, d. h. zum Husten geneigt fühlten, und da in solchen anhaltenden Krankheiten nicht von Ansteckung die Rede ist, so bedarf es auch keiner starken und schnellen ElMvickelurig der Chlordünste. Hier genügt es schon, wenn man ein Näpfchen mit trockenem Chlorkalk hinsttzt und diesem ein Drittheil oder die Hälfte Tartarus vitrioJafus zurührt, welcher noch überflüssige Schwefelsäureenthält, und in chemischen Fabriken und Scheidewas- serbrenncreien sehr wohlfeil zu haben ist. Die Schwefelsäure dieses sauren Salzes verbindet sich unmerklich mit dem Kalke und treibt in eben dem Maße die Chlordünste heraus. Es giebt mehrere Krankheiren, welche außeror- deutlich häßliche, unerträgliche Gerüche verbreiten, z. B. Krcbögeschwüre, kalter Brand, Scorbut, Geschwüre im Munde je. Hier ist für die den Kranken Umgebenden der mit Wasser ausgelöste Chlorkalk in der Nähe des Krankenbettes ein wahres Specificmn , unv wer dem Kranken vorher kaum nahen konnte, glaubte gar nicht, daß noch derselbe Kranke da liege. Viel Veranlassung geben zu üblen Dünsten und Geruch n in Krankenzimmern die Nachtgeschirre. Bei aller Reinlichkeit, die man darauf verwendet, behalten sie doch einen Dunst, der sich nicht anders vertreiben läßt als— durch den Chlorkalk. Da nun durch die Excremente namentlich die Ruhr keicht verbreitet wird, so ist die Anwendung des Chlorkalks hierbei ganz vornehmlich, aber auch überhaupt nicht genug zu empfehlen. Ein Nacht- topf, den man mit Wasser ausspühlt, worin etwas Chlor- kalk aufgelöst ist; ein Nachtstuhl, in welchen man ein Loth Chlorkalk wirft und darauf eine Halbe Wasser gießt, so oft er geleert wurde, läßt gar nicht ahnen, daß von ihm Gebrauch gemacht wurde, denn es gränzt fast ans Wun- derbare, wie schnell und vollkommen thierische Ausdün- stungen von dem Chlordampfe vertilgt werden. Aus dem nämliche« Grunde kann nun auch noch der Chlorkalk zu vielfach anderem Gebrauche im Hanse dienen, und ein guter Wirth halt sich immer eine Flasche Wasser vorrathig, worin etwa 2 Loth Chlorkalk aufgelöst sind. Diese sieht gut versteckt an einem bequemen Orte, wo man sie leicht zur Hand hat. Verunreinigt ein Hund eine Katze, das Zimmer; und statt Zeter und Mordio zu rufen und das ganze Haus in Allarm zu bringen, gießt er einen oder zwei Löffel von seinem Wasser darauf, und aller üble Geruch ist weg. Har das Dienstmädchen daS Nachtgeschirr nicht genau gereinigt, und rieche es übel, so nimmt er feine Flasche zur Hand und gießt ein paar