Evangélikus Élet, 2011. július-december (76. évfolyam, 27-52. szám)

2011-12-18 / 51-52. szám

26 -m 2011. december 18-25. NÉMET OLDAL Evangélikus Élet DSUtSCPiO Holger'míVnke Kein gutes Zeugnis für die Kirche Ein nicht ganz unpolemischer Blick auf brennende Wunden Respekt durch persönliches Miteinander Im Gespräch mit dem englischen Gemeindepfarrer und Militärseelsorger Alan Stockbridge ► „Kirchendämmerung“ war der Aufreger des Jahres 2011 in der evangelischen Pres­selandschaft. So heißt das neueste Buch des Münchner Theologieprofessors Fried­rich Wilhelm Graf. Zunächst sind es so­ziologische Beobachtungen, Zahlen und Ergebnisse von Untersuchungen und Be­fragungen, die den Autoren leiten. Es geht um eine kritische Sichtung der ge­genwärtigen Lage. Die Anforderungen, vor der die Kirchen - evangelische wie ka­tholische - stehen, sind gewaltig: steigen­de Kirchenaustritte, Missbrauchsfälle, zugleich höhere Arbeitsbelastungen und Verwaltungsaufwand des Kirchenperso­nals verbunden mit Erschöpfungszustän­den. Dagegen, klagt Graf in seiner Streit­schrift, verpackt in sieben knackigen Es­says, würden die Kirchen auf die gestell­ten Probleme nicht angemessen reagieren. Milieuverengung, der Verfall der gottesdienst­lichen Feier oder fehlende Streitkultur an den theologischen Universitäten sind nur einige der Punkte, die Graf benennt. Obwohl insbeson­dere Pfarrerinnen und Pfarrer noch einen hohen Vertrauensvorschuss bei den Kirchen­mitgliedern genössen, hätten sich viele der Kir­chenvertreter noch nicht darauf eingestellt, dass sich die Erwartungen an sie grundlegend verän­dert haben. Viele Gläubi­ge treten nur an den Pfar­rer heran, wenn sie seine Dienste auch wirklich brauchen, ansonsten ste­hen sie der Institution kritisch gegenüber. Die Welt ist individueller und mobiler geworden. Das gilt gerade auch für die Lebensentwürfe der Gläubigen. Dagegen zei­ge gerade die bayerische Kirche bei den eigenen Mitarbeitern ein ande­res Bild: Fehlende Mobi­lität und Pfarrstellen, die lieber den eigenen Bewerbern gegeben werden als einem weitaus kompetenteren aus einer an­deren Landeskirche. Dies führe dazu, so klagt Graf, dass gerade junge, hochmotivierte Theo­loginnen und Theologen merkten, dass Krea­tivität und eigene biographische Wünsche, wie etwa die Partnerwahl, im Dienst der Kirche nur schwer umsetzbar seien. Zu viele würden da­her in die freie Wirtschaft abwandern. Gerade an den wenigen Berührungspunk­ten mit Kirche würden die Gläubigen einem ge­steigerten Moralismus begegnen, ln den Weih­nachtsgottesdiensten, die nach wie vor steigen­de Besucherzahlen verzeichnen, begegnen die Besucher, so Graf, platten Alltagsweisheiten, Populismus und „Kanzelschelte gegen böse Banker“, als wüssten die Prediger besser als die politisch Verantwortlichen was zu tun sei. Zugleich steigere dieser starke Moralismus das Missverständnis, dass die Gottesdienstbesucher die Gesamthaftung für das große Elend in der dritten Welt tragen müssten und dass Pfarre­rinnen und Pfarrer bessere Menschen seien. Unterstützt wird dieser befremdliche Ein­druck durch das zunehmende Macht- und Hierarchiedenken in der von Männern domi­nierten Kirchenleitung. Gerade in Anbetracht der verschieden Amtstrachten der Geistlich­keiten meint der Autor das Phänomen man­gelnder Demut greifen zu können: „Inzwischen herrscht in Sachen Amtskleidung im deutschen Protestantismus bunte, nicht selten peinlich schrille Vielfalt. Wohl um gegen katholische Amtsträger bestehen zu können, kleiden sich nicht wenige evangelische Spitzenkleriker in violette oder rote Leibchen mit Kollar (Römer­kragen), und je höher das Amt, desto größer und schwerer muss das goldene Kreuz sein, dass man trägt.“ Am bekanntesten und auch in Tageszeitun­gen diskutiert, sind Grafs Ausführungen zum Thema der theologischen Sprachlosigkeit. Be­trachtet man Predigten, die Texte von Kirchen­liedern und biographischen Ansprachen etwa bei Beerdigungen, hat das gesprochene Wort im Protestantismus eine besondere Bedeutung. Der evangelische Pfarrer, die Pfarrerin sind, wie man auch an ihrer eigentlichen Amtstracht, Talar und Beffchen, erkennen kann, für Graf universitäre Gelehrte. Kernstück aller Tätigkeit sei das Wort, die Predigt. Dennoch würden im­mer mehr evangelische Geistliche weniger mit dem Kopf, als vielmehr aus dem Bauch pre­digen. Emotionen und die subjektive Befind­lichkeit des Predigers stünden theologischen Aussagen voran. Schwierige theologischen Einsichten und Botschaf­ten würden radikal ver­einfacht: „Der zeitgei­staffine Gegenwartsgott ist immer nur reine Lie­be, Güte, Gnade und Herzenswärme, ein trost­reicher Heizkissengott für jede kalte Lebenslage ... Von religiösen Hal­tungen, wie Gottesfurcht oder scheuer Ehrfurcht vor dem Heiligen ist in diesen Predigten nicht mehr die Rede ... Des­halb sollen wir uns dann in was auch immer «ein­­bringen» und überhaupt nett zueinander sein, weil auch Gott so nett ge­worden ist." Alle unver­fügbaren, unergründli­chen Seiten des Glau­bens würden ausgeblendet. Gott würde somit vom allmächtigen „König der Ehren“ zu einem „Wohlfühlgott" gemacht. Zusammenfassend betrachtet bietet das Buch „Kirchendämmerung - Wie die Kirchen unser Vertrauen verspielen“ eine hochaktuel­le Bestandsaufnahme gegenwärtiger Phänome­ne und Probleme der Kirchen. Der Autor und Leibnitzpreisträger sieht sich argumentati­ven Streit und theologischem Ernst verpflich­tet. Zwar bietet Graf kaum Lösungsansätze, da­für lesen sich seine Analysen off unterhaltsam. Das liegt zum einen an klugen Sprachspielen und Wortschöpfungen. So überschreibt Graf seine Essays als die „7 Untugenden der Kirche“. Anderseits verschärft sich seine Kritik durch polemischen Formulierungen. Graf ist einer, der den intellektuellen Streit sucht und kirchliche Missstände aufzeigen will. Einer, der mit allen Mitteln anstoßen will, dass es den Kirchenver­antwortlichen endlich dämmert. ■ Julian Lademann Friedrich Wilhelm Graf: Kirchendämmerung. Wie die Kirchen unser Vertrauen verspielen, 2. Auflage, München 2011. ► Grenzen überwinden - und dabei die weltweite Kirche Jesu Christi besser ver­stehen. Das könnte als Motto über dem langjährigen Dienst von Reverend Alan Stockbridge stehen. Er ist im Jahr 1933 in London geboren - und durch seinen Dienst als Gemeindepfarrer und Militär­seelsorge weit herum gekommen. Der Blick über den Tellerrand des eigenen Landes und der eigenen Kirche haben sein Verständnis der weltweiten Kirche maß­geblich geprägt.- Du hast als Kind den Zweiten Weltkrieg er­lebt, heute lebst du in Deutschland. Die Deut­schen - früher Kriegsgegner, heute deine Nach­barn. Wie hat sich dein Bild der Deutschen im Laufe Dei­nes Lebens verändert?- Ich war gerade sechs Jah­re alt, als der Zweite Weltkrieg ausgebrochen ist. Wir hatten damals natürlich ein Bild von Deutschland als der große Feind. Wenn wir als Kinder miteinander spielten, gab es immer Kämpfe zwischen Deutschen und Engländern. Ich war in London, als London bombardiert wurde. Später kam dann in ein Internat, ei­ne römisch-katholische Klo­sterschule in Westengland, da möglichst alle Kinder aus London herauskommen sollten. Da­durch waren der Krieg - und auch Deutsch­land - mitunter eher ein Hintergrundgesche­hen. Die großen Schlachten und die Versenkun­gen von Kriegsschiffen haben wir in ihrer Tragweite dort fernab in Westengland in ihrer Tragik sicher nicht in vollem Umfang erfasst. Für uns Kinder war das alles immer eine Art ernsthaften Spieles. Nach dem Krieg, mit etwa 13 Jahren habe ich auf dem Gymnasium angefangen deutsch zu lernen. Dadurch wuchs auch mein Interesse und meine Sympathie für Deutschland. Ein paar Jahre später, ich war in der Unterprima nahm ich an einem Schüleraustausch teil. Mein deutscher Austauschschüler stammte aus Hanau, er war Pastorensohn. Erst kam er zu uns, später war ich dort. Und ich konnte eine sehr bewundernswerte, engagierte und christ­liche deutsche Familie kennenlernen. Aus die­sem Kontakt entstand eine echte Freund­schaft. Und dieser persönliche Kontakt hat aber auch mein ganzes Deutschland-Bild stark ge­prägt. Und nicht zuletzt bin ich mit einer Deut­schen verheiratet.- Unlängst hast du in Unterfranken die An­sprache zum Volkstrauertag gehalten. Keine Selbstverständlichkeit, dass ein Engländer in Deutschland an diesem Tag spricht.- Es war für mich ein großes Privileg. Ich fühle mich insoweit mit den älteren Leuten ver­bunden, weil wir einer Generation angehören, die den Krieg erlebt haben. Ich weiß, wie ich mich damals fühlte. Und ich kann mir gut vor­stellen, dass es ihnen ganz ähnlich ging. Das stiftet eine Nähe zwischen Menschen meiner Generation, von wo aus sie auch immer den Krieg erlebt haben.- Neben England und Deutschland warst du auf Singapur, Menorca und Zypern, in Irland und Gibraltar als Pfarrer tätig. Was hat diese „Internationalität“ mit dir und deinem Glau­ben gemacht?- All das hat meine Sicht der Kirche wesent­lich beeinflusst. Aber eigentlich wurde ich schon ganz von Anfang an ökumenisch erzo­gen. Schon durch die Klosterschule während des Zweiten Weltkrieges kam ich mit der rö­misch-katholischen Kirche in Berührung. Und als ich späteren Jahren viel unterwegs war, ha­be ich überall, wo ich hinkam, Anschluss zur Ortskirche gesucht. Nur ein Beispiel für Kontakte über Grenzen hinweg - stellvertretend für viele andere: In meiner Zeit als Gemeindepfarrer haben wir en­ge Beziehungen mit einer russisch-orthodoxen Gemeinde in der Ostukraine geknüpft. Ukrai­nische Jugendlichen hatten uns jedes Jahr in den Ferien besucht, um ihre Sprachkenntnis­­se zu verbessern. Gegen Ende des Kommunis­mus durften sie ja bereits zu uns reisen. Ein besonderes Erlebnis war, dass mir der dortige Bischof im Gottesdienst ein Kreuz um den Hals gehängt hatte, das ich dann nach orthodoxer Sitte auch küssen musste. Das hät­te ich eigentlich nicht gemacht, aber in diesem Fall habe ich mich in diesen Brauch einge­fügt. Und das ist ein Beispiel dafür, wie man durch das per­sönliche Miteinander auch Verständnis für andere Tradi­tionen zu schätzen lernt, ob­wohl man diese Traditionen nicht unbedingt teilt. Man lernt die Ansichten anderer zu respektieren. Das Miteinander der Kirchen ist übrigens auch ein wichtiger Aspekt der Militärseelsorge. Da ist die Zusammenarbeit über Konfessions­grenzen unerlässlich. Meine Erfahrung ist, dass es Soldaten meist egal ist, welcher Konfession der Seelsorger angehört. Entscheidend ist, dass er ihnen beisteht. Auch das hat auch zu meinen Blick auf Welt und Kirche mitgeprägt.- Unlängst ist dein Buch „Die Kirche von Eng­land - The History of a Mystery“ erschienen. Was ist dir besonders wichtig deinen Lesern über deine Kirche - die anglikanische Kirche - mitzugeben?- Für die anglikanische Kirche ist grundle­gend, dass der Glaube auf der Bibel basieren soll. In einem Glaubensartikel heißt es: Alles, was in der Heiligen Schrift zu finden ist, ist un­erlässlich. Und alles, was nicht darin gefunden werden kann noch daraus bewiesen werden kann, darf einem anderen nicht aufgezwungen werden zu seinem Segen und Heil. Das bedeu­tet, dass andere Christen aus Gewissensgrün­den an verschiedenes glauben können. Und man kann auch akzeptieren und respektieren, dass sie das glauben, aber man kann es ande­ren Christen nicht als unerlässliche Glau­bensbedingung aufzwängen. Das ist meiner Meinung nach der Kern der anglikanischen Kirche. Die englische Königin Elizabeth I. hat gesagt: „Ich habe nicht den Wunsch, in die See­len meiner Untertanen zu schauen. Was sie glauben, ist eine Sache zwischen ihnen und Gott.“ Die anglikanische Kirche zögert immer, an den Grenzen dessen Antworten zu geben, was zu glauben sei. Vielmehr konzentriert sie sich auf den Kern, die Heilige Schrift. Und das Wesentliche steht ja auch in den drei großen Glaubensbekenntnissen. ■ Holger Manke Alan Stockbridge: Die Kirche von England. The History of a Mystery, Münster 2010. Friedrich Wilhelm Graf KIRCHEN DÄMMERUNG Wie die Kirchen unser Vertrauen verspielen

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