Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Das Attentat von Sarajevo

70 überraschende, aber höchst plausible Antwort: Er meint, Mousset habe eine Tendenzschrift verfaßt, um der damaligen jugoslawischen Regierung gefällig zu sein, mit anderen Worten: um ihr und dem König Alexander, die von vie­len Seiten angegriffen wurden, bei ihren auf das Unrecht des Saloniki-Pro­zesses bezugnehmenden Rechtfertigungsversuchen zu helfen. Was war dort geschehen? Pasié und Alexander hatten 1917 den Obersten Apis-Dimitrijevic für ein Verbrechen hinrichten lassen, das dieser nicht be­gangen hatte, und die Öffentlichkeit hatte man wissen lassen, und zwar durch einen Regierungshistoriker38), das amtliche Serbien habe mit dem At­tentat von Sarajevo nichts zu tun gehabt. Oberst Apis-Dimitrijevic wäre vom russischen Generalstab unterrichtet worden, Kaiser Wilhelm und Erzherzog Franz Ferdinand hätten bei ihrer Zusammenkunft in Konopischt den Über­fall auf Serbien beschlossen, daraufhin hätte Apis von sich aus, um sein Land zu retten, das Attentat von Sarajevo inszeniert, und zwar ohne Wissen der serbischen Regierung, die aber trotzdem gewarnt hätte. Nun ging Mous­set, wie Voj. Bogicevic entrüstet feststellt, noch einen Schritt weiter. Für ihn war Apis-Dimitrijevic ein Spezialist in Attentaten gegen Souveraine, ein At- tentats-Monomane39), dem man alles Zutrauen konnte; als „internationaler Terrorist“ habe er Attentate auch auf Alexander von Serbien, den griechi­schen und bulgarischen König organisiert. Hat Mousset übertrieben? Prof. Voj. Bogicevic hält es für auffallend, daß man das Buch von Mousset nicht ins Serbokroatische übersetzte und daß es in Jugoslawien nicht nachgedruckt wurde. Das beweise, so Bogicevic, man habe in Belgrad „gespürt, irgendetwas sei nicht in Ordnung“40). VII. Wien 1944 (1945?): Die Protokolle von Sarajevo. Ein Textvergleich. Un­veröffentlicht. Unter den während des Zweiten Weltkrieges nach Wien ge­brachten Archivalien (Akten des Gemeinsamen Finanzministeriums, das so­genannte „Bosnische Archiv“, und Akten der bosnischen Landesregierung) be­fanden sich neben Akten aus Belgrad auch die „Belgrader Abschrift 1925“ und die Kestercanek’sche Rekonstruktion 1922. Mitglieder der Forscher­gruppe gingen daran, Textunterschiede zwischen den verschiedenen Proto­kollen aufzuspüren. Das Resultat dieser Bemühungen sollte die Veröffentli­chung eines Werkes sein, das obigen Titel führen sollte. Das Manuskript ging noch 1944 in die Druckerei, wurde fast vollständig gesetzt, jedoch nicht mehr gedruckt. Erhalten geblieben sind 138 Umbruch-Korrekturbogen (SAA Wien); 316 Textvergleiche sind in Kolonnen nebeneinandergestellt, in der er­sten Kolonne finden wir den „offiziellen Text“ nach der Abschrift 1914 und 1925, in der zweiten den Vergleich mit der Mousset-Edition und in der drit­ten die Kestercanek’sche Rekonstruktion 1922. Die Pharos-Version der ent­sprechenden Stelle wird in den Anmerkungen hinzugefügt. Vom Vorwort des 38) Stanoje Stanojevic, Verfasser des Buches Die Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand (dt. Frankfurt 1923). 39) VP 9-11. 40) Ebenda.

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