Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Das Attentat von Sarajevo

26 nes habe eine Verzögerung erfahren, weil damit eine Veränderung des Ge­meindestatutes der Landeshauptstadt verquickt sei. Die traurigen und ern­sten Ereignisse brächten jedoch die Notwendigkeit mit sich, den Sicherheits­dienst in Bosnien und der Herzegowina, insbesondere den staatspolitischen Teil, neu zu organisieren und dabei an die Spitze eine verläßliche, energi­sche, erfahrene und begabte Person zu stellen. Obwohl es ihm an verläßli­chen Funktionären nicht mangle, schrieb der Landeschef, habe er keinen Be­amten, der sich ausschließlich intensiver mit dem Polizeiwesen befaßt habe. Ferner müsse dieser Beamte sowohl fachlich qualifiziert als auch der slowe­nischen oder böhmischen Sprache kundig sein3). Neben dem Präsidialchef der Landesregierung Carl Collas4) und seinem Stellvertreter Dr. Edmund Gerde5) gab es auch das Sicherheitsbüro der Lan­desregierung, das von einem Tiroler, Troyer von Monaldi, Ritter von Aufkir­chen, geleitet wurde, der am 14. Mai 1914 wegen eines Magenleidens Urlaub bekommen hatte und „zwecks Röntgenisierung“ nach Wien gereist war6). Zur polizeilichen Untersuchung und zu Erhebungen herangezogen wurden auch das Kriminalbüro mit dem Kriminalreferenten Viktor Ivasiuk7), einem 3) Abschrift eines Briefes an den Statthalter in Prag, 1914 Juli 17 Sarajevo: KA NL Potiorek 4, 3A. 4) Carl Frh. v. Collas, geb. 1869 in Arad, studierte an der Universität Königsberg, stand seit 1900 im bosnisch-herzegowinischen Landesdienst, warnte 1912 das Gemein­same Finanzministerium vor staatsgefährlichen Umtrieben der ,Mlada Bosna' und nannte sie das „Fadenende eines gefährlichen Zentrums“. Ein alter Imam, der ihn noch kannte, nannte Collas dem Autor gegenüber einen „feinen, gebüdeten Menschen und liebenswürdigen Beamten“. Im April 1915 wurde er Hofrat und Leiter der Politi­schen Abteilung, im Oktober 1917 Leiter der Abteilung für bosnisch-herzegowinische Angelegenheiten des Gemeinsamen Finanzministeriums in Wien, ab 1. Juli 1919 Ver­treter der ungarischen Angelegenheiten und im Dezember dieses Jahres Leiter des Wiener ungarischen Liquidationsamtes. s) Dr. Edmund Gerde, geb. 1877 in Budapest, seit 1902 in Sarajevo. Nach Ansicht seiner Vorgesetzten schien er „mit Rücksicht auf seine hervorragenden Dienstleistun­gen im Vorjahr 1914 einer außerordentlichen Beförderung durchaus würdig“. Dr. Gerde warnte den Chef des Militärkomitees, das für den Besuch des Thronfolgers zuständig war, davor, die Route durch die Stadt vor dem 27. Juni bekanntzugeben. Man hörte bekanntlich nicht auf ihn (Vladimir Glück [Glick] in der Politika 1933 November 11). Dr. Gerde veranlaßte auch die Reise mehrerer Detektive aus Wien und Budapest nach Sarajevo. Im zweiten Kriegsjahr organisierte er die Verproviantierung Bosniens und der Herzegowina aus Ungarn, 1917 stand er wegen einer Korruptionsaf- faire vor Gericht, wurde aber freigesprochen. 6) ABH LR Präs. 3793/1914. 7) Viktor Ivasiuk (Iwasiuk), pol. Adjunkt I. Kl., Kriminalreferent, geb. in Czemo- witz, 1909 Konzeptspraktikant bei der k. u. k. Polizeidirektion in Czemowitz, seit 1912 im Dienst der bosnisch-herzegowinischen Landesregierung, trat 1918, und zwar am 22. August, einen Urlaub an, von dem er nicht mehr nach Bosnien zurückkehrte. Ende 1918 wurde er durch ein Volkstribunal in contumaciam zum Tode verurteilt (eigene Angabe) und sein Vermögen beschlagnahmt. 1919 suchte Ivasiuk um Namensänderung an, und zwar bat er, sich seinen Burschenschaftnamen Ingomar zulegen zu dürfen. Be­gründung: „Da ich im Jahre 1914/15 staatspolitisch verwendet wurde und in dieser Eigenschaft beim Prozesse Princip und Consorten die Mitwisserschaft der serbischen Regierung und die Provenienz der beim Attentat verwendeten Bombe aus dem serbi-

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