Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Das Attentat von Sarajevo

22 mehrere Personen schwer und leicht. Der Schaden an den Gebäuden scheint nicht so bedeutend zu sein. Die Absicht des Täters ging auf die Ermordung des hohen Paares. Es liegt vor rücksichtlich des Nedeljkos Cabrinovic das Verbrechen des versuchten Meuchelmordes nach § 13, 209, 210 Abs. 1 Str. G., das Verbrechen der schweren kör­perlichen Verletzung nach § 228, 231 Str. G., die Übertretung nach § 405 Str. G. und das Verbrechen nach § 163 Strf. G. - Am Rückweg bei der Einmündung der Franz Jo­sefstrasse zum Appelquai gab in der gleichen Absicht der Tötung Gavrilo Princip aus dem Hinterhalt6) einige Schüsse aus einem Browning-Revolver auf dieselben hohen Persönlichkeiten ab, traf beide und tötete sie. Gegen ihn liegt vor das Verbrechen des Meuchelmordes nach § 209, 210 P. 1 Str. G. Es ist der Antrag auf Strafverfolgung zu stellen. Sar. 2876. 14“7). AMTLICHE MELDUNGEN Das erste Telegramm an das Ministerium des Äußern sandte Karl Freiherr von Rumerskirch. Das Konzept*) des Obersthofmeisters ist erhalten, es trägt den Stempel ,,K. u. K. Militärpostamt Sarajevo 1“ und den Vermerk „Kon­zept zurücksenden“. Als Aufgabezeit ist „1. 12“ angegeben. Die Handschrift verrät die Aufregung der vergangenen Stunden. Der Text lautet: „Tief erschüttert und ganz gebrochen melde ich, daß bei der Rundfahrt durch Sarajevo ein mörderisches Attentat auf die Hoheiten verübt wurde, welchem sie erlagen, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben. Ärztliche Hilfe, die sofort zur Stelle war, war leider vergeblich.“ Die nächste Meldung, aufgegeben um 2 Uhr, trug die Unterschrift „Potiorek Feldzeugmeister“ und war an den „Gen,.raladjutant Sr. Majestät, Ischl“ ge­richtet: „bei heutiger fahrt sr k u k hoheit erzherzog franz ferdinand und ihrer hoheit der her- zogin hohenberg gelang es trotz aller umfassend getroffenen Sicherheitsvorkehrun­gen* 2) einem hiesigen serbischen typographen waehrend der fahrt ueber den appelkai zunaechst ein kleines geschoss3) und dann eine groessere bombe gegen das auto zu 6) Princip schoß nicht aus dem Hinterhalt, er stand am Gehsteig, und das Auto mit den Gästen blieb zwei bis drei Sekunden vor ihm stehen; vgl. Fritz Würthle Franz Ferdinands letzter Befehl in Österreich in Geschichte und Literatur 6 (1971) 313 ff. 7) Abschriften der Amtsvermerke 1 und 1 a im UP (HHStA Nachlaß Franz Ferdi­nand). *) Im Privatbesitz Ferd. Spany, Wien. 2) Psychologisch interessant ist, daß der Landeschef seiner Meldung den Hinweis auf die Sicherheitsvorkehrungen voranstellte, die nicht „umfassend“ sondern gänzlich imzulänglich getroffen wurden. - Hauptmann im Gen.-Stab beim 18. Div.-Kommando Anton Zeller meldete FZM Potiorek, es könnten wichtige Ereignisse eintreffen, „da­her wäre bei der Anwesenheit des Thronfolgers in Sarajevo die größte Vorsicht gebo­ten, denn wir scheinen vor Überraschungen zu stehen“. Potiorek verbrannte diese Warnung mit der Bemerkung „Schwarzseher“ (Abschrift im SAA). 3) Siehe oben S. 21 Anm. 5.

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