Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Umstrittene Dokumente

124 können Sie dem heldenhaftesten aller Völker zum Nicht-Widerstand raten . . . alles, sogar den Tod, nur das nicht ...“126). Bei Mutmaßungen über russische Einflüsse auf die serbische Antwortnote vom 25. Juli darf nicht außer Acht gelassen werden, daß bereits am 23. Juli, kurz nach Eintreffen des österreichisch-ungarischen Ultimatums, ein Rund­schreiben127) an alle Gesandtschaften hinausging, in dem dezidiert erklärt wurde, die serbische Regierung habe, da nicht alle Mitglieder anwesend sei­en, noch keinen Entschluß gefaßt, ,aber schon jetzt läßt sich sagen, die For­derungen sind derartig, daß sie zur Gänze von keiner serbischen Regierung angenommen werden können“. Bekanntlich hatte der k. u. k. Gesandte den strikten Auftrag, Belgrad sofort zu verlassen, wenn die österreichisch-unga­rische Begehmote nicht „voll und ganz“ angenommen werden würde. Und Dr. Slavko Gruic, 1914 Generalsekretär im Belgrader Außenministerium, schrieb in seinen Erinnerungen128): „Daß die Evakuation [von Belgrad] durchgeführt werden mußte, war klar, denn ... es war zu Beginn entschieden worden, daß unmöglich alle österreichisch-ungarischen Forderungen angenommen werden könnten129)“. In diesem Zusammenhang muß nochmals auf jenen aufschlußreichen Passus im Geständnis des Generalstabsobersten Dimitrijevic verwiesen werden, der wörthch lautet: „Bevor ich den endgültigen Entschluß faßte, daß das Attentat verübt werden sollte, holte ich von Oberst Artamanow ein Gutachten ein (was Rußland tun würde), falls Österreich uns (Serbien) angriffe130)“. Daß man in Belgrader Offizierskreisen davon wußte, kann wohl vorausge­setzt werden. Außerdem verlangte das Ultimatum im Artikel 6 die Teilnahme österreichisch-ungarischer Organe an den Erhebungen. Hätte das nicht in letzter Konsequenz zu einem energischen Vorgehen gegen die Offiziere der ,Schwarzen Hand“ und gegen den Anstifter des Mordes von Sarajevo, den Generalstabsobersten Dimitrijevic, führen müssen? Und dazu war die Regie­rung Pasié in der damaligen Situation, ohne sich selbst zu gefährden, sicher nicht in der Lage. 126) Ebenda 143: ,,M. Pachitch peut faire tout, mérne Timpossible, sauf une seule chose. Et c’est justement celle que vous attendez de lui, en l’implorant de ne pás se dé- fendre, contre l’Autriche, les armes ä la main. Je le connais comme je me connais moi-méme, et comme, tous deux, nous connaissons notre peuple. Tout défaitisme ré- pugne ä l’áme serbe. Comment pouvez-vous conseiller au plus héroi'que parmi les peuples une non-résistance qui serait partout considérée comme une abdication ä son honneur, ä son indépendance, ä sa gloire? Tout, tout, mérne la mórt, mais pas cela! Un peuple qui ne se defend pas ne mérite guére que les autres peuples viennent ä son aide. Pensez done au roi Pierre; pensez ä son jeune fils qui vient de venger le Kossovo! Iis préféreraient tomber, tous les deux, dans n’importe quel combat que de se livrer ä l’Autriche-Hongrie. Le peuple serbe, quelque désespérée que fűt sa situation, les suiv- rait sans hésiter ...“. 127) Serbisches Blaubuch n. 33. 128) Slavko Gruic in der Politika 1934 Juli 22-25, dt. in BMH 13/2 (1935) 576-597. 129) Ebenda 588. 13°) Siehe oben S. 112.

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